Robert Temel
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5/2009
Und was noch?

Eigentlich ist es ja genau die Art von Wettbewerb, die man gern positiv hervorheben möchte: Ein offener, einstufiger Realisierungswettbewerb, ausgeschrieben von der Architekturabteilung der Stadt Wien. Ziel sind Entwürfe für einen Kindergarten im 22. Bezirk in der Schukowitzgasse in Breitenlee, unweit der Stadtgrenze. Besondere Anforderungen: Passivhausbauweise und Fertigteilbauweise. So weit, so gut – und überaus interessant gerade für Berufseinsteiger. Wenn man allerdings beginnt, die Ausschreibungsunterlangen genauer zu studieren, fallen sofort einige geforderte Unterlagen auf, die das Maß des Üblichen doch weit überschreiten – dem entsprechend reagierte auch die Architektenkammer mit zwei entsprechenden Stellungnahmen mit Änderungsvorschlägen, die augenscheinlich leider nicht gemacht wurden. Neben den üblichen Grundrissen, Ansichten und Schaubildern wird auch ein Fassadenschnitt 1:20 gefordert, was im Vorentwurfsstadium doch etwas hoch gegriffen sein mag. Dazu kommen die Berechnung der Energiekennzahl, der Passivhausnachweis, ein Facility-Management-Konzept. Das sind natürlich alles gute und wichtige Nachweise für einen geplanten Neubau. Es stellt sich aber die Frage, inwiefern Derartiges im Wettbewerbsstadium überhaupt aussagekräftig ist. Bekannterweise hat es nicht erst einmal gravierende Veränderungen eines Wettbewerbsprojektes nach dem Zuschlag ans Siegerprojekt gegeben, was all die genannten Nachweise zu Altpapier machen würde. Deshalb ist es im Wettbewerbsstadium wohl sinnvoller, in einer Projektbeschreibung die Maßnahmen zu nennen, mit denen der Passivhausstandard erreicht werden soll, statt ihn auf Basis eines so frühen Entwurfsstadiums pseudo-exakt zu berechnen. Gerade bei einem solchen Wettbewerb für eine Bauaufgabe, die für junge Architektinnen und Architekten besonders relevant ist, weil es sich um eine überschaubare Aufgabe ohne überbordende Komplexität handelt, stellt das ein Problem dar. Im gegenständlichen Fall nahmen etwa 90 Büros teil, das heißt es wurden mit immensem Aufwand – angenommen, alle haben alles Geforderte geliefert – 90 Energiekennzahlen berechnet, 90 Passivhausnachweise erbracht und 90 FM-Konzepte erarbeitet – 89 Mal völlig umsonst. Dieses Arbeiten für nichts ist zwar ein strukturelles Grundelement des von Architekten ja dezidiert gewünschten Wettbewerbsprinzips. Doch sollte es wenigstens auf das Notwendige beschränkt bleiben. Wie die Kammer in ihrer Stellungnahme vermerkt, könnten solche Nachweise vom Sieger im Verhandlungsverfahren auch noch erbracht werden.

Ausstellungsplakat Baukultur Wien | Grafik: zunder zwo Ausstellungsplakat Baukultur Wien | Grafik: zunder zwo