Robert Temel
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7–8/2015
Geladener Wettbewerb Rauchmühle, Salzburg
Wohnen statt Gewerbe


Es geht um das Gewerbegebiet der „Rauchmühle“ im Salzburger Stadtteil Lehen: Wo bis vor vier Jahren noch Mehl gemahlen wurde, sollte nun ein neuer Stadtteil entwickelt werden, in einem Gebiet zwischen Bahntrasse, Glanbach und einem Schulgelände, westlich der dichter bebauten Stadt und unweit des Stadtwerke-Areals. Es soll, so die privaten Auslober, die Vorarlberger Prisma-Holding und die Familie Rauch, ein „lebendiges Stück Stadt“ entstehen und eben nicht, so könnte man ergänzen, nur eine weitere Ansammlung von Wohnbauten. Um das zu erreichen, wurde unmittelbar nach der Betriebseinstellung ein kooperatives Planungsverfahren gestartet, um einen Masterplan zu entwickeln, zusammen mit dem Salzburger Gestaltungsbeirat und der Planungsabteilung. Eine Reihe von Planern war beteiligt (Max Rieder, Michael Wallraff, Hubert Klumpner, Alfredo Brillembourg), weitere ExpertInnen und KonsulentInnen für Stadtplanung, Architektur, Landschaftsarchitektur, Verkehrsplanung und etliche andere Kompetenzbereiche wurden hinzugezogen. Ergebnis waren mehrere Entwicklungsszenarien mit einigen gemeinsamen, zentralen Ideen: Erhalt der bedeutsamsten Teile der historischen Substanz, nutzbarer Freiraum entlang der Glan, kompakte Dichte mit teils durchaus größerer Höhenentwicklung an einzelnen Punkten. Doch die Eigentümer waren mit den Resultaten des Verfahrens offensichtlich nicht zufrieden: zu viel Bestandserhaltung, zu viel Nutzungsmischung, zu wenig Wohnbau. So kam es zu einem geladenen Architekturwettbewerb 2015, der ohne Zustimmung der Architektenkammer abgewickelt wurde – diese hatte zuvor einen offenen, anonymen Architekturwettbewerb gefordert, schließlich wurde es ein Verfahren mit zwölf geladenen TeilnehmerInnen (Flöckner-Schnöll, Haro Architects, Udo Heinrich, LC 4 Architektur, Mikula Sterneder Getzner El Ghoubashy, Peter Haimerl, Baumschlager Eberle, Helen & Hard, Lukas Schumacher, Splitterwerk, transparadiso, Michael Wallraff). Und die Wettbewerbsprojekte orientierten sich nur ansatzweise am zuvor erarbeiteten Masterplan – statt auf diesen aufzubauen, standen nunmehr nochmals die städtebauliche Konfiguration und der Freiraum im Mittelpunkt, zusammen mit Wohngrundrissen, weil jetzt in der Nutzung des Areals ganz deutlich fast ausschließlich Wohnbau geplant ist. Doch nicht nur die Kammer ist gegen das Verfahren, zusätzlich hat sich eine „Experten-Initiative Um+Bau+Kultur Salzburg“ formiert, die gegen den Abriss des Großteils der Mühlenanlage und gegen zu große Dichte und Höhe der Neubebauung auftritt. Das Siegerprojekt von Lukas Schumacher mit Kräftner Landschaftsarchitektur schafft eine städtebaulich plausible Lösung mit einem zentral, entlang der ins Umfeld verbindenden Nord-Süd-Achse, offen geführten „Mühlbach“, auch wenn die Bebauung teils ein wenig knapp an den Glanbach heranrückt. Wo der Masterplan eine dichte Versammlung von Gebäuden vorsah, befindet sich bei Schumacher ein zentraler Platz. Andere Nutzungen als Wohnen sind im bestehenden Mühlengebäude konzentriert. Als zweiter Preisträger wurden die Norweger Helen & Hard ausgewählt, weil sie, laut Jury unter dem Vorsitz von Marie-Therese Harnoncourt, Vorschläge zur Neubelebung des Mühlenkomplexes und für alternative Wohnformen gemacht haben. Es stellt sich die Frage, warum man zu einem derartig wichtigen Verfahren nur geladene Teilnehmer zulässt und nicht zumindest einen nicht offenen Wettbewerb mit einer Bewerbungsmöglichkeit für alle qualifizierten Interessenten durchführt; warum es so schwer ist, selbst in einer Stadt wie Salzburg, Paradebeispiel der vielzitierten „Europäischen Stadt“, gemischte Nutzungen umzusetzen; und warum man selbst heute in neu zu entwickelnden Arealen lieber möglichst komplett die – oftmals bedeutsame – Bebauung entfernt statt sie ihren Qualitäten entsprechend zu nützen und in die Neukonzeption zu integrieren.

Maronihof, Bregenz | Foto: RT Maronihof, Bregenz | Foto: RT