Robert Temel
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3/2014
Das kooperative Verfahren in Wien
Ein neuer Weg des Städtebaus


Das kooperative Verfahren ist kein Wettbewerb –dieses Faktum sollte gleich zu Beginn geklärt sein. Um zu verdeutlichen, was es sein soll, ist es hilfreich, es mit zwei Arten von Wettbewerben zu vergleichen: Es gibt einerseits den Realisierungswettbewerb, dessen Resultat – neben einem siegreichen Projekt – ein Auftrag an den Sieger ist. Dieser Typus unterscheidet sich somit grundsätzlich vom kooperativen Verfahren, weil es dort keinen nachfolgenden Auftrag gibt. Die Teilnahme am Verfahren selbst ist bereits der Auftrag. Und es gibt andererseits den Ideenwettbewerb, dem kein Auftrag folgt und der zur Findung von Ideen für eine Entwurfsaufgabe dient – da gibt es durchaus Ähnlichkeiten mit dem kooperativen Verfahren. Allerdings wird bei diesem, im Unterschied zum Wettbewerb, von den Beteiligten gemeinsam und nicht in Konkurrenz geplant.
Das ist somit das Entscheidende: Man plant gemeinsam städtebauliche Konzepte und Rahmenpläne, und zwar einerseits unabhängige Architekten und Städtebauer und andererseits Stakeholder: Eigentümer, Politiker, Investoren, Anrainer und viele andere mehr. Es gibt, jedenfalls in Wien, zwei grundsätzliche Arten solcher kooperativen Verfahren. Das eine ist das Klausurplanungsverfahren, bei dem alle Beteiligten für wenige Planungstage quasi kaserniert werden, das heißt mehr oder weniger rund um die Uhr an der gemeinsamen Aufgabe arbeiten, und zwar ohne viel Arbeitsteilung zwischen Planern und Interessensvertretern. Das andere ist das Atelierverfahren, bei dem die Arbeitsteilung unter den Teilnehmern zentrale Grundlage für den Erfolg ist: Da gibt es ein Entscheidungsgremium, bestehend aus den Stakeholdern und externen, unabhängigen Experten. Und es gibt Planungsteams, die an Konzepten arbeiten, und zwar nicht nur vor Ort, sondern auch zwischen den Workshop-Terminen in ihren Büros. In regelmäßigen Abständen treffen sich alle Beteiligten zu „Kupplungen“, bei denen die Konzepte präsentiert und diskutiert werden und das Gremium Empfehlungen für die Weiterbearbeitung abgibt. Das Resultat eines kooperativen Verfahrens soll in jedem Fall ein schließlich umzusetzendes Konzept sein. Das geschieht entweder dadurch, dass die Beteiligten von Beginn an nur an einem Konzept arbeiten; oder dadurch, dass sie ihre Ansätze im Laufe des Verfahrens zu einem zusammenführen; oder durch eine Empfehlung des Gremiums, die auf einem oder mehreren der Konzepte aufbaut; oder schließlich, in Wien bisher unbekannt, aber anderswo durchaus üblich, durch Auswahl eines der im Verfahren entwickelten Konzepte – fast wie beim Wettbewerb.
Abgesehen von den neuen Kompetenzen, die diese Planungsmethode erfordert, gibt es zwei Aspekte, die in Wien noch weiterentwickelt werden müssen. Dabei handelt es sich erstens um die langfristige Qualitätssicherung nach dem Verfahren. Für eine solche gibt es bereits vielversprechende Ansätze, doch muss hier zweifellos noch Entwicklungsarbeit geleistet werden. Und es handelt sich zweitens um Bürgerbeteiligung und Transparenz. Kooperative Verfahren legen die Einbeziehung von Bürgern zur Information, Konsultation und Partizipation nahe. Trotzdem wurde diese Chance bisher zu selten genützt. Und der neue Verfahrenstypus besitzt noch nicht die eingespielten Publikationsweisen, die mit städtebaulichen Wettbewerben heute verknüpft sind, deshalb lässt die Transparenz der Verfahren in der Fachöffentlichkeit und in der breiten Öffentlichkeit noch zu wünschen übrig. Ein Vorteil der Verfahren ist, dass es davon viel mehr gibt als das bei städtebaulichen Wettbewerben jemals üblich war, mittlerweile seit 2011 etwa zwei Dutzend: mit unterschiedlichem Erfolg und unterschiedlicher Qualität der Resultate, vom Eislaufverein bis zum Hauptbahnhofareal, von Neu-Leopoldau bis zum Otto-Wagner-Spital Ost. Im vergangenen Jahr erstellte der Autor dieser Kolumne eine Evaluierung der bisherigen Verfahren im Auftrag der Stadt Wien, die in Kürze als Werkstattbericht publiziert wird. Weiters wird aktuell ein Leitfaden zur Durchführung solcher Verfahren erarbeitet.

Futurum-Schule bei Stockholm | Foto: RT Futurum-Schule bei Stockholm | Foto: RT