Robert Temel
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6/2013
Die organische Verbindung von Büro und Werkshalle
Betriebsgebäude Hoerbiger in der Wiener Seestadt Aspern


Mit der Ansiedlung des Technologieunternehmens Hoerbiger ist der Wiener Seestadt Aspern ein Coup gelungen: Nicht nur die Tatsache, dass damit in Zukunft etwa 550 Arbeitsplätze nach Aspern kommen, ist von großer Bedeutung. Dazu kommt, dass hier der Fall eines Generalplanerwettbewerbs für ein Verwaltungs- und Produktionsgebäude einer privaten Firma eingetreten ist – und zwar nicht auf der Druck der Asperner Entwicklungsgesellschaft Wien 3420 AG, sondern von selbst und freiwillig. Hoerbiger war ursprünglich ein Wiener Unternehmen. Der Gründer Hanns Hörbiger erlangte Bekanntheit nicht nur durch seine technischen Erfindungen, sondern auch durch seine obskure Welteislehre und die Tatsache, dass er der Vater von Attila und Paul Hörbiger und somit Vorfahr der Schauspielerfamilie Hörbiger war. In den 1990er Jahren wurde eine Holding im Eigentum einer Stiftung in Zug gegründet, das Unternehmen hat somit mittlerweile seinen Sitz in der Schweiz. Hoerbiger ist heute Weltmarktführer im Bereich Komponenten für Kompressoren und hat einen Umsatz von etwa einer Milliarde Euro. Der Neubau soll drei Einheiten zusammenführen: das Technologiezentrum mit unter anderem auch repräsentativer Funktion und globaler Bedeutung, das ein Besucherforum, die Forschungs- und Entwicklungsabteilung sowie Büroflächen enthalten wird; das Bürogebäude für Operation Vienna; sowie die Produktionshallen. Hoerbiger, unterstützt von den Verfahrensorganisatoren Moocon, führte zur Vorbereitung des Wettbewerbs einen „Moodboard-Workshop“ mit 40 Mitarbeitern aus allen Unternehmensbereichen durch, vom Arbeiter bis zum Manager. Dabei wurden die kulturellen, sozialen, organisatorischen und wirtschaftlichen Ziele für das Gebäude festgelegt – unter anderem die Vorgabe, dass es möglichst keine Barriere zwischen Büros und Produktion geben sollte. Bei dem Verfahren handelt es sich um einen Wettbewerb, zunächst wurden aus einer längeren Liste anhand von Referenzen und Erfahrung 10 Büros ausgewählt, die dann ein Projekt ausarbeiteten. Die Jury unter dem Vorsitz von Roland Gnaiger kürte Querkraft Architekten zum Sieger. Die Besonderheit des Projekts von Querkraft ist, dass durch die Baukörperkonfiguration die Unterschiede zwischen Verwaltungs- und Produktionsbereich tatsächlich weitgehend verwischt werden. Langgezogene, Nord-Süd-orientierte Bänder bilden im Norden Büroriegel, die teils auskragen, und im Süden Oberlichtaufsätze für die Produktionshallen. Durch die Ausformung der Riegel entsteht entlang der Seestadtstraße, einer der wichtigsten Zufahrtsachsen zur zukünftigen Seestadt, keine Blockrandbebauung, sondern ein differenziertes Spiel von Freiräumen zwischen und vor den Baukörpern. Gleichzeitig erlauben die Bänder eine Erweiterung sowohl der Produktionshallen als auch der Büros. Das Projekt unterscheidet sich sowohl von der sonst in der Seestadt Aspern bisher üblichen Bebauung entlang des Straßenverlaufs als auch von der üblichen Betriebsgebäudetypologie, die einen repräsentativen Bürotrakt von einer industriellen Produktionshalle absetzt – und konnte damit auf Basis der vom Unternehmen gesetzten Projektziele bei der Jury punkten. Das Gebäude soll nun bis Ende 2015 errichtet werden.

Fassade des Peter B. Lewis Building in Cleveland, Ohio, von Frank Gehry | Foto: Pikturewerk, CC BY-ND 2.0 Fassade des Peter B. Lewis Building in Cleveland, Ohio, von Frank Gehry | Foto: Pikturewerk, CC BY-ND 2.0