Robert Temel
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3/2013
Immer noch: Mut!
Das Parlamentsgebäude der Republik Österreich, Teil 2

Was bisher geschah: Das österreichische Parlament wünscht sich einen neuen Plenarsaal, weil der alte nicht mehr so richtig funktioniert – nach Kriegsschäden war in den 1950er Jahren ein neuer Saal der Architekten Fellerer und Wörle errichtet worden; es wird mit der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) ein Wettbewerb dafür ausgeschrieben, den Architekt Andreas Heidl gewinnt. Schließlich erkennt man plötzlich, nach ein paar Jahren, dass ein solcher Umbau vielleicht doch Teil eines Gesamtkonzeptes sein sollte, welches die Sanierung des gesamten Gebäudes und dessen Adaption an heutige Bedürfnisse umfassen muss. Nach einem Besuch beim Berner Bundeshaus verdichtet sich dieser zunächst noch nebulöse Gedanke. Weitere Architekten (Sepp Frank und Partner) entwickeln ein umfangreiches Sanierungskonzept. Inzwischen regnet es in den bestehenden Plenarsaal, der notdürftig geflickt wird. Weil der Plenarsaalentwurf aus dem ersten Wettbewerb und seine Integration in eine umfassende Sanierung angeblich „gravierende Schnittstellenprobleme“ mit sich brächte, wird das Verfahren widerrufen und der Architekt im Regen stehen gelassen, und zwar nur kurz, nachdem man ihm Anfang 2012 noch ohne Not schriftlich zugesichert hatte, dass sein Projekt in das Gesamtprojekt natürlich integriert werde. Dafür schreibt man nun, nach zwei Jahren, doch noch ein Verhandlungsverfahren für die Sanierung des gesamten Gebäudes aus, diesmal ohne die BIG (immerhin Profi bei Architekturwettbewerben) und mit „wettbewerbsähnlichem Charakter“, was auch immer das sein mag.
Da stehen wir also nun: Die Architektenkammer war lange und intensiv in Verhandlungen eingebunden und hat auch einiges erreicht, um das Verfahren nicht zu einem völligen Ungetüm werden zu lassen. Nichtsdestotrotz sind die Differenzen mit dem Parlament am Ende zu groß, sodass die Kammer für das Verfahren nicht kooperiert. Wohlgemerkt nicht bei irgendeinem windigen Bauträger, sondern beim zentralen Gebäude der Republik. Durch eine Vielfalt von Beteiligten, juristischen und architektonischen Beratern entsteht ein hochkompliziertes Konstrukt. In einer ersten Stufe werden zehn Teilnehmer ausgewählt, die dann ein „Qualitätsangebot“ und ein „wirtschaftliches Angebot“ ausarbeiten und abgeben sollen. Diese beiden Angebote werden nacheinander beurteilt, danach wird mit allen „nicht ausgeschiedenen Bietern“ verhandelt und es kann noch nachgebessert werden („last and final offer“). Die Prüfung des „Qualitätsangebots“ durch die Jury endet nicht mit einem ersten, zweiten und dritten Platz, sondern mit einer „Bewertung“, was allein schon problematisch ist aus Sicht der Architekten. Die Werknutzungsrechte des Siegers sind durch die 30.000 Euro Aufwandsentschädigung als abgegolten zu sehen – für ein gigantisches Projekt mit 300 Millionen Euro Errichtungskosten, bestehend aus einer hochkomplexen Sanierung, dem Einbau neuer Nutzflächen, der modularen Planung von Teilsanierungen, des Bauablaufs, nötiger Überbrückungsmaßnahmen, eines Interimsgebäudes und der Übersiedlungen. Und wieder einmal werden die Eignungs- und Auswahlkriterien hochgeschraubt (zum Beispiel 2 Millionen Euro Jahresumsatz), als wenn heute, nach den Planungsdesastern der Vergangenheit, noch irgendjemand glauben könnte, das die Größe eines Unternehmens seine Leistungsfähigkeit sichert. Wie man hört, scheiterte die Auslobung eines „richtigen“ Wettbewerbs an der Frage der sekundären Anonymität: Nachdem es vor sechs Jahren bereits den Plenarsaalwettbewerb gegeben hatte, sei es unmöglich, eine Jury zu finden, bei der die Anonymität der Teilnehmer gewahrt werden könne – eine Ausrede?
Aber all das sind Kleinigkeiten im Vergleich zum Grundproblem: Warum muss man 2013 für das zentrale Gebäude dieser Republik vor lauter Angst hundertfache Absicherungen einbauen, nicht nur den Rechnungshof, sondern auch Transparency International einbeziehen (für die gäbe es in Österreich wirklich genug andere Handlungsfelder), wenn faktisch ständig öffentliche Bauten von vergleichsweise unwesentlicher politischer und symbolischer Bedeutung in ähnlicher Größenordnung ohne solche Kontrollmechanismen umgesetzt werden – und zwar ohne dass irgendein Hahn danach krähen würde? Ein Beispiel: Die Sanierung des Finanzministeriums in der Himmelpfortgasse um 200 Millionen Euro. Setzt man hier tatsächlich die Prioritäten an der richtigen Stelle? Wie kann aus einem solchen Prozessmonstrum noch ein brauchbares Gebäude werden?

The Making of Architecture | Foto: RT The Making of Architecture | Foto: RT