Robert Temel
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11/2012
Die Synergie der Separation: Wiener Bildungscampus in der Seestadt Aspern

Die Seestadt Aspern, Wiens größtes Stadterweiterungsgebiet, soll von etwa 20.000 Menschen bewohnt werden – die ersten werden 2014 einziehen und Pioniere in einem Stadtteil im Werden sein. Der Masterplan für das Areal sieht im Süden zwischen den ersten Wohnbauten und einem Gewerbegebiet eine großzügige Fläche für Schulen vor. Etwa 40.000 m² stehen zur Verfügung, angrenzend an den zukünftigen Hannah-Arendt-Park im Wohnquartier. Der erste Asperner Schulcampus sollte ein vorbildhaftes Pilotprojekt werden: Erstmals wollten die Stadt Wien – Kindergarten, Volksschule, Schule für Körperbehinderte – und der Bund – Gymnasium und berufsbildende Schule – zusammen bauen. Um dieses Kunststück zuwege zu bringen und die bekanntermaßen nicht leicht kooperierenden städtischen und nationalen Schulverwaltungen zusammenzuführen, initiierte die Bundesimmobiliengesellschaft einen mehrmonatigen „Beteiligungsprozess“. So sollten gemeinsam zu betreibende Einrichtungen identifiziert und Synergien gefunden werden. Ergebnis war jedoch, für den gelernten Österreicher nicht ganz unerwartet, dass man lieber nichts miteinander zu tun haben will: Synergien sind nicht möglich, nun werden statt der zunächst beschworenen „gemeinsamen Bildungseinrichtung“ eben zwei getrennte Schulzentren unmittelbar nebeneinander gebaut. Laut Stadt Wien liegt das daran, dass die Altersstufen der zwei Einrichtungen verschieden sind und deshalb keine Synergien zu finden waren. Aber der Prozess sei gut gewesen und man hoffe, für ein nächstes Projekt davon zu profitieren. Warum es dann sinnvoll war, statt zwei oder drei kleinteiliger, im Wohnquartier verteilter Schulstandorte einen riesigen Campus im Stil der 1970er-Jahre-Schulzentren zu planen, bleibt allerdings unklar. So wurde es notwendig, statt einer gemeinsamen Planung für ein Schulzentrum für 1.800 Kinder und Jugendliche plötzlich zwei getrennte Wettbewerbe auszuschreiben: Zunächst im Jänner 2012 für den Bildungscampus 1 der Stadt Wien, danach im September 2012 für den Bildungscampus 2 des Bundes.
Den ersten Wettbewerb gewann der Grazer Architekt Thomas Zinterl gegen 73 weitere Teilnehmer mit einem kammförmigen Baukörper, der einen sehr großzügigen Freiraum im Süden des Grundstücks ermöglicht. Zum Hannah-Arendt-Park bildet das Gebäude eine scharfe Kante, während es sich zum Garten öffnet und durch Terrassierung eine Verschränkung von Außenraum und Gebäude erreicht. Diese Verschränkung und der Freiraum sind die größten Vorteile des Entwurfs, der in seiner Kompaktheit und in der Konventionalität des Raumprogramms (die man natürlich nicht dem Architekten anlasten kann) gewissermaßen ein Gegenbild zum Siegerprojekt eines der letzten großen Schulwettbewerbe in Wien bildet: 2011 gewannen PPAG den Campus Hauptbahnhof mit einem zergliederten, „strukturalistischen“ Gebäude, das städtebaulich sicherlich ungewöhnlich war, jedoch eine überaus innovative Organisation in Clustern anbot. Das war damals möglich, weil die Ausschreibung ein neues räumlich-pädagogisches Konzept statt des üblichen Raumprogramms vorgab. Im Asperner Wettbewerb ist Wien nun zum konventionellen Konzept zurückgekehrt, nur im Kindergarten gibt es noch Cluster. Dem gegenüber versucht der Bund beim zweiten Asperner Schulwettbewerb immerhin ein Department-Modell für die älteren Schüler statt der üblichen Stammklassen. Die meisten anderen Preisträger des Wettbewerbs Bildungscampus 1 sahen Atrien- oder Halbatriengebäude vor. Fasch und Fuchs errangen mit einer sehr interessanten, ebenfalls nach Süden terrassierten Lösung mit eingeschnittenen Höfen den vierten Rang, Pichler Traupmann kamen mit einer umgekehrt nach Norden terrassierten, ebenfalls „strukturalistischen“ Lösung auf Platz 6.

Dachausbau | Foto: RT Dachausbau | Foto: RT