Robert Temel
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6/2012
Freunde der italienischen Oper: Linzer Musiktheater

Die Geschichte des Linzer Musiktheaters ist eine Geschichte politischer Kämpfe. Diese Kämpfe drehen sich nicht um räumliche Qualitäten, sondern Planung ist nur Anlass für Stellvertreterkriege: Die Architektur wird zum willkommenen Ort, an dem die politische Auseinandersetzung stattfinden kann, ohne dass es um Architektur gehen würde.

Bereits in den 1970er Jahren wurde in Linz die Diskussion um ein neues Musiktheater für die Landeshauptstadt eröffnet. Das bestehende Landestheater konnte die dafür nötigen Rahmenbedingungen nicht bieten. 1984 gründete sich der Verein „Freunde des Linzer Musiktheaters“, doch es dauerte acht weitere Jahre, bis der oberösterreichische Landtag einen Grundsatzbeschluss fasste. Schließlich wählte man als Standort den Schlossberg – das Theater sollte am und im Berg untergebracht werden. 1997 wurde ein europaweiter, zweistufiger Architekturwettbewerb dafür ausgeschrieben, den der Wiener Architekt Otto Häuselmayer gewann.
Doch damit begann der politische Kleinkrieg: Die FPÖ sah die Chance zur Wählermobilisierung und initiierte 2000 eine Volksbefragung. 50 Prozent der Wahlberechtigten nahmen teil, 59,7 Prozent der Stimmen waren dagegen, das Theaterprojekt war gestorben. Die anderen drei Parteien im Landtag standen nach wie vor zum Projekt, während die FPÖ einen Umbau des bestehenden Landestheaters wünschte. Nun startete die Debatte, ob mit der Volksbefragung nur der Standort oder das Theater insgesamt abgelehnt worden wäre. 2003 fasste der Landtag neuerlich einen Grundsatzbeschluss für den Neubau des Musiktheaters, im Jahr darauf einigte man sich auf den Standort am Blumauerplatz unweit des Bahnhofs.
Somit stand einem neuerlichen internationalen Architekturwettbewerb nichts im Wege, der 2006 ausgeschrieben wurde. Aus fast 200 Einreichungen wurden die 21 besten Projekte für die zweite Stufe ausgewählt, schließlich entschied die Jury unter dem Vorsitz von Carlo Baumschlager, die drei besten Projekte von Wolfgang Tschapeller, Terry Pawson und Duda Testor nochmals überarbeiten zu lassen. Während dieser Überarbeitungsphase wurde bekannt, dass das angeblich erstgereihte Projekt – jenes von Tschapeller – einen 140 Meter hohen Turm vorsah, was die Kronen-Zeitung zum Gegenstand einer Umfrage machte: Nicht ganz unerwartet sprachen sich mehr als die Hälfte der Oberösterreicher gegen das Projekt aus. Die Jury entschied sich schließlich für Terry Pawson und verhinderte so einen weiteren politischen Konflikt.
Doch bereits zwei Jahre später kam der nächste Krach: Die von Pawson gewünschte Ausführung der Fassade in rostigem Stahl oder dunklem Kupfer missfiel der Politik, also machte man sich auf die Suche nach neuen „ausführenden“ Architekten, um den kompromisslosen Engländer loszuwerden. Die Fassade wurde schließlich hell, in Glas, Naturstein und Sichtbeton umgesetzt, ausführende Verantwortung übernahm das Grazer Büro ArchitekturConsult. Zusätzlich wurde das Linzer Architekturbüro Dworschak Mühlbachler beauftragt, die Projektleitung übernahmen Spirk & Partner – ein Konglomerat an Verantwortlichkeiten statt eines Generalplanerauftrags, zusätzlich blieb Pawson als beratender Architekt tätig.
Trotz aller Schwierigkeiten konnte 2009 zu bauen begonnen werden – und im April 2013 soll das neue Linzer Musiktheater mit seiner komplizierten Planungsgeschichte, die mehr als dreißig Jahre zurückreicht, schließlich eröffnet werden. Dann werden 150 Millionen Euro verbaut sein – während das „Theater im Berg“, dessen „Geldverschwendung“ durch die Volksbefragung 2000 verhindert werden sollte, auf umgerechnet 87 Millionen Euro gekommen wäre.

Cover Temporäre Räume | Layout/Grafik: Richard Ferkl Cover Temporäre Räume | Layout/Grafik: Richard Ferkl