Robert Temel
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3/2012
Stars von gestern, Projekte von morgen

Die Wiener Universität für angewandte Kunst, eine der renommiertesten Kunstuniversitäten in Österreich und wichtige Architekturschule, schrieb Ende 2011 einen Architekturwettbewerb für einen Um- und Erweiterungsbau des eigenen Standorts am Stubenring aus. Die aktuell etwa 15.000 Quadratmeter Nutzfläche sollen um weitere 7.000 ergänzt werden. Das Verfahren ist ein interessantes Beispiel dafür, welche Fallen in dem an sich positiven Instrument des nicht offenen Wettbewerbs liegen. Über dem Schwellenwert des Bundesvergabegesetzes kann ein Wettbewerb entweder offen ausgeschrieben werden – das heißt alle grundsätzlich Berechtigten können mitmachen – oder nicht offen, das heißt, es gibt eine erste Stufe, in der sich Qualifizierte, die bestimmte Anforderungskriterien erfüllen, bewerben können. Darauf folgt eine zweite Stufe, in der nach Auswahl der Teilnehmer die kleine Gruppe der Ausgewählten ihre Beiträge in Konkurrenz ausarbeitet. Das hat den Vorteil, dass weniger Teilnehmer den Aufwand des Ausarbeitens auf sich nehmen müssen und sie dafür auch eine – geringe – Aufwandsentschädigung erhalten können, dass der Jurierungsaufwand für den Auslober geringer ist und dass man durch die Auswahl der Teilnehmer „Quoten“ für gewisse Gruppen einführen kann, die man gerne dabei hätte, zum Beispiel jüngere Büros. Die grundsätzliche Frage dabei ist, welche Kriterien man für die Auswahl der Teilnehmer anlegt: Verlangt werden kann beispielsweise die Darstellung von konzeptuellen Zugängen oder Projektideen, unter denen die Jury wählen kann; oder Referenzen, was die Gefahr mit sich bringt, dass ausschließlich Architekten zum Zuge kommen, die schon ähnliche Bauaufgaben realisiert haben – und das reduziert die Möglichkeit zur Innovation stark; oder Umsatz- und Mitarbeitervorgaben, was vermutlich die Umsetzungssicherheit erhöht, aber ebenfalls die Innovationsmöglichkeit senkt. Leider addieren viele Auslober möglichst viele und hohe Anforderungen für die Teilnehmerauswahl, statt die für sie richtigen auszuwählen. Generell würde also der Aufwand für beide beteiligten Seiten geringer, während potentiell auch die Teilnahmemöglichkeit für alle grundsätzlich offen gehalten werden könnte. In der Praxis wird der nicht offene Wettbewerb leider selten in diesem positiven Sinn angewandt – wie auch im Falle der Angewandten. Die Auswahl erfolgte anhand von zwei beliebigen Referenzprojekten; das heißt, es ist – angesichts des zu erwartenden Teilnehmerkreises – sehr unwahrscheinlich, dass die Anonymität der Verfasser gewahrt bleibt. Der Auslober hatte sich offensichtlich bereits auf Stararchitektur festgelegt, was der Grundintention des Wettbewerbs zuwiderläuft: die möglichst breite Auswahl von besten Projekten, nicht von bekannten Personen. Dem entsprechend lief der Wettbewerb ohne Kooperation mit der Architektenkammer ab. Den ersten Preis im Verfahren erlangte ein Projekt von Wolfgang Tschapeller, Professor an der Konkurrenzuniversität in Wien, der Akademie der bildenden Künste: Er stellte vor den Schwanzertrakt aus den 1960er Jahren eine 14 Meter breite Raumschicht mit einer Stiegenkaskade und temporären Blasen, die an die frühen Projekte von Coop Himmelblau und Haus-Rucker-Co erinnern. Die Kerne werden aus der Stahlbetonstruktur entfernt, ein gemeinsamer Sockel verbindet die bestehenden Gebäude. Das Projekt ist ohne Zweifel überaus eindrucksvoll, die Ausführung entsprechend den gelieferten Bildern dürfte jedoch eine Herausforderung werden. Jedenfalls wurden damit ein Name (wenn auch kein internationaler) UND ein Projekt gekürt, das sich gegen die Konkurrenz von Coop Himmelblau, Susanne Zottl/Eric Owen Moss, Morphosis und anderen durchsetzen konnte.

F&E-Anteile im Bauwesen und anderen Branchen | Grafik: Designbureau Simone Metelko-Kager F&E-Anteile im Bauwesen und anderen Branchen | Grafik: Designbureau Simone Metelko-Kager