Robert Temel
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11/2011
Wie geht es weiter im Wiener Wohnbau?

Die Staatsfinanzkrise geht auch an Wien nicht spurlos vorbei – der Haushalt 2011 sah, neben etlichen anderen Einsparungen, eine Kürzung der Wohnbauförderung um 70 Millionen Euro vor, das sind mehr als zehn Prozent. Da die Ausgaben bei Sanierung und Wohnbeihilfe nicht reduziert wurden, geht diese Kürzung voll zu Lasten des Neubaus, der damit um etwa ein Viertel zurückgefahren werden muss. Deshalb fand heuer bisher nur ein Bauträgerwettbewerb in Wien statt. Dabei handelte es sich um einen Wettbewerb für drei kleinere Grundstücke in Wien-Donaustadt mit einer Schwerpunktsetzung auf kostengünstigen Wohnraum. Schon längst überfällige Wettbewerbe wie der zur ersten Phase der Seestadt Aspern wurden verschoben. Die Zahl der neuen Wohnungen wird somit 2011 massiv sinken, von etwa 6.000 auf vielleicht 4.500 oder noch weniger. Der Rückgang trifft Wien in einer Zeit zunehmender Wohnungsnachfrage und steigender Mieten. Um dringend nötigen Ersatz für diesen Ausfall zu schaffen, startete Wohnbaustadtrat Ludwig die so genannte Wohnbauinitiative: Durch den aktuell niedrigen Zinsstand war es möglich, Geld für zusätzliche 6.250 Wohnungen am Kapitalmarkt günstig aufzunehmen, mit geringen Aufschlägen an Wohnbaukonsortien weiterzugeben und so die Ausfälle im Bereich des geförderten Wohnbaus in den kommenden Jahren durch freifinanzierten Wohnbau zu kompensieren, der allerdings tatsächlich nicht von privaten Unternehmen selbst, sondern indirekt wiederum von der Stadt Wien finanziert ist. Die sechs Konsortien, die für die Initiative den Zuschlag erhalten haben, bestehen aus Banken, Versicherungen und Bauträgern. Diese Kompensation der schmerzhaften Kürzungen mithilfe der Wohnbauinitiative wurde allgemein begrüßt, schließlich kann so weiterhin die Neubauleistung von relativ kostengünstigen Wohnungen das allgemeine Wiener Mietzinsniveau dämpfen. Kritisiert wurde jedoch vom grünen Koalitionspartner ebenso wie von den Architekten die Reduzierung der Qualitätsanforderungen im Vergleich zum geförderten Wohnbau. Eine Fortführung der Wohnbauinitiative ist allerdings nicht geplant und wohl auch nicht möglich, schließlich stehen die Zinsen mittlerweile schon wieder deutlich höher – die Initiative wird somit einmalig bleiben. Parallel dazu wird jedoch von der Stadt Wien und dem Wiener Wohnfonds an einer Neuausrichtung des Instruments Bauträgerwettbewerb gearbeitet. Dass der Bauträgerwettbewerb die Qualität des Wiener Wohnbaus steigern konnte, ist wohl unbestritten; gleichzeitig gibt es auch Kritik an diesem System, insbesondere hinsichtlich der immensen Anforderungen an eingereichte Projekte und der sich aus dem Procedere ergebenden fehlenden Vernetzung zwischen den geplanten Wohnbauten. Deshalb soll nun einer der nächsten Bauträgerwettbewerbe, voraussichtlich noch 2011, als zweistufiges Verfahren, als kooperatives Dialogverfahren durchgeführt werden: Das bedeutet, dass in der ersten Stufe die Anforderungen gesenkt werden, insbesondere die bisher nötige detaillierte ökonomische Planung soll nicht verlangt werden. Hier soll es eher um konzeptive, auch städtebauliche Ansätze gehen, auf deren Basis die Sieger ermittelt werden. In der zweiten Phase werden diese Sieger miteinander ihre Projekte weiterentwickeln. Dabei sollen alle quartiersbezogenen Fragen gemeinsam gelöst werden und so mehr Augenmerk auf wechselseitige Abstimmung und die Gestaltung des öffentlichen Raums gelegt werden können. Darüber hinausgehend sollen die Anrainer in den Wettbewerbsablauf einbezogen werden: Nicht nur werden ihre Anliegen Teil der Wettbewerbsausschreibung sein; zusätzlich werden ihnen im Laufe der zweiten Phase die Beiträge präsentiert und die Gelegenheit gegeben, diese zu kommentieren, was wiederum in die Jurierung einfließen wird. Diese Neuformierung des Instruments Bauträgerwettbewerb lässt hoffen, dass die urbane Qualität der Wiener Stadtentwicklungsgebiete in Zukunft besser wird. Es bleibt die Frage offen, wie in der Zeit nach der Wohnbauinitiative das nötige Neubauvolumen gehalten werden kann – denn jedenfalls für 2012 ist keine wesentliche Erhöhung der Fördermittel zu erwarten.

Baugemeinschaften in der Wiener Seestadt Aspern | Foto: RT Baugemeinschaften in der Wiener Seestadt Aspern | Foto: RT