Robert Temel
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6/2011
 Parlamentsgebäude der Republik Österreich: Nur Mut!

Parlamente sind symbolisch hochgradig aufgeladene Gebäude, die nicht nur nüchterne Zwecke erfüllen, sondern auch materialisierte Repräsentationen des jeweiligen Staats bilden. Das Kapitol in Washington, D.C., die britischen Houses of Parliament mit Big Ben an der Themse und das ungarische Parlament an der Donau sind nicht einfach nur architektonisch herausragende Werke, sondern Zeichen dieser politischen Einheiten, die allesamt demokratisch verfasst sind. Parlamentsneubauten sind dem entsprechend auch immer überaus wichtige Ereignisse, die breit diskutiert werden: der Einzug des deutschen Bundestags in den ehemaligen Berliner Reichstag, umgebaut von Norman Foster; das neue australische Parlament in Canberra von Mitchell/Giurgola/Thorp; das schottische Parlament von Enric Miralles oder das walisische Parlament von Richard Rogers sind besondere Bauten, für die vom Gemeinwesen auch in besonderem Ausmaß Ressourcen aufgewendet werden. In Österreich scheint das anders zu sein: Zwar kann das österreichische Parlament auf einige überaus respektable Bauvorhaben zurückblicken, so das Besucherzentrum von Geiswinkler & Geiswinkler, die Sanierung des Palais Epstein durch Georg Töpfer und Alexander van der Donk und die aufwändige Restaurierung der historischen Fassade und der acht Bronze-Quadrigen über den beiden Sitzungssälen. Doch was bisher völlig gefehlt hat, war ein Gesamtkonzept für Nutzung und Sanierung des 1874–83 von Theophil Hansen errichteten Gebäudes. So konnte es geschehen, dass 2007 ein Wettbewerb für die Erneuerung des Nationalrats-Sitzungssaals ablief (leider nicht sehr professionell, sodass nur 21 Projekte eingereicht wurden), den der Linzer Architekt Andreas Heidl mit einem angemessenen Projekt gewann; doch offensichtlich kam man erst später, nach einem Besuch des Berner Bundeshauses, das kürzlich generalsaniert wurde, auf die Idee, dass ein solches Projekt in ein Gesamtkonzept integriert werden müsste. Und damit ist das Sitzungssaal-Projekt, das von Heidl mit großem Aufwand vorangetrieben wurde, bereits wieder in Frage gestellt – obwohl es sich hierbei um den Sieger eines Realisierungswettbewerbes handelt. 2010 wurde das Architekturbüro Sepp Frank und Partner nach einem Verhandlungsverfahren mit drei Teilnehmern mit der Erstellung des dringend nötigen Gesamtkonzeptes beauftragt. Und nun soll ein Generalplanerwettbewerb für die Generalsanierung ausgeschrieben werden, dessen Basis das Gesamtkonzept mit dem Kostenrahmen von 300 Millionen Euro bildet. Die laufende Diskussion dreht sich jedoch nicht, wie man das erwarten sollte, um die politische und kulturelle Bedeutung des österreichischen Parlamentsgebäudes, sondern nur um Zahlen, die im übrigen bei keinem anderen öffentlichen Auftrag je zur Diskussion stünden: Nur bei dem Bau, der für die Republik steht, ist das Geld plötzlich Thema. Es bleibt zu hoffen, dass es im weiteren Verlauf und beim neuen Wettbewerb nicht einfach nur um die Umsetzung des umfangreichen und detaillierten Gesamtkonzeptes geht, sondern architektonische Ideen verglichen werden können; dass der Bauherr, das österreichische Parlament, den Mut hat, das Projekt dann auch tatsächlich zu realisieren; und dass es eine akzeptable Lösung für das Sitzungssaal-Projekt von Heidl gibt. Aber ob diese Hoffnung sich erfüllen wird, steht in den Sternen. Vielleicht sollte man heute so billig wie möglich sanieren und auf eine Politikergeneration warten, die der Bedeutung dieses Hauses entsprechend agiert.

Ausstellungsplakat Baukultur Wien | Grafik: zunder zwo Ausstellungsplakat Baukultur Wien | Grafik: zunder zwo