Robert Temel
temel.at/?area=text&text_id=582

3/2011
Grüne Wettbewerbsperspektiven

Maria Vassilakou ist die neue grüne Vizebürgermeisterin von Wien. Sie hat weiters ein überaus umfangreiches Ressort zu meistern, dessen Agenda auch für die Baubranche relevant ist. Neben Stadtentwicklung und Verkehr, was der Tätigkeitsbereich ihres Vorgängers Rudi Schicker war, bekam sie auch noch Klimaschutz, Energieplanung und BürgerInnenbeteiligung dazu. Selbstverständlich sind das alles Thematiken, in denen die neue Stadtregierung wichtige Veränderungen und Reformen anstrebt. In ihr Arbeitsgebiet fallen auch Architekturwettbewerbe. Auch wenn sich Wien bereits seit 2003 mit einem eigenen Wettbewerbsleitfaden der Transparenz und Qualität verschrieben hat, gab es in dieser Stadt immer wieder problematische Verfahren, große städtebauliche Wettbewerbe mit sehr wenigen TeilnehmerInnen sowie winzige Projekte mit manchmal hundert Einreichungen – oder es gibt erst gar keinen Architekturwettbewerb wie im Falle des Hauptbahnhofs Wien, was aber natürlich nicht an der Stadt Wien, sondern an der ÖBB lag. Wie sieht nun also diesbezüglich die Wiener Zukunft aus? Im rot-grünen Regierungsübereinkommen wird eine Weiterentwicklung des Wettbewerbsleitfadens angekündigt, um die Fairness, Wirtschaftlichkeit, Transparenz und Qualitätssicherung der Verfahren zu verbessern. Ergänzt werden soll der Leitfaden durch baukulturelle Leitsätze. Und im Wohnbauressort ihres Stadtratskollegen Michael Ludwig soll als Pilotprojekt ein offener Architekturwettbewerb ergänzend zu dem Modell des Bauträgerwettbewerbs durchgeführt werden. Wo liegen die Schwerpunkte, die Stadträtin Vassilakou – über dieses sehr allgemein gehaltene Übereinkommen hinaus – setzen möchte? Dazu gab sie im e-Mail-Interview Auskunft und nahm bei ihrer Antrittsrede am 16. Februar im Architekturzentrum Wien Stellung: Die angekündigte Überarbeitung des Wettbewerbsleitfadens wurde bereits begonnen. Der Leitfaden soll auch für ausgegliederte Unternehmen der Stadt möglichst verbindlich sein. Und: als Ziele des Vergabeprinzips Wettbewerb nennt sie dezidiert nicht nur die besten Architekturlösungen für eine Aufgabe, sondern auch Innovation, was wohl nicht für jeden Auftraggeber eine Selbstverständlichkeit ist. Offenheit bedeutet jedoch nicht, dass jetzt plötzlich nur noch offene Wettbewerbe ausgeschrieben werden: Dieses Verfahrensmodell will Maria Vassilakou vor allem bei städtebaulichen Aufgabenstellungen und großen Bauvorhaben der öffentlichen Hand und ihrer Unternehmen einsetzen, in Verknüpfung mit einer Mehrstufigkeit des Verfahrens. Außerdem will sie die ArchitektInnendatenbank laufend aktualisieren, sodass man hoffen kann, dass die Chancen für neue und junge Büros steigen – und auch die Jurymitglieder sollen stärker als bisher wechseln. Stärkere Transparenz der Jurierungen ist ebenso ein Ziel, etwa durch öffentliche Sitzungen. EU-weit offene städtebauliche Verfahren werden in nächster Zeit für das Nordbahnhofgelände und für den Franz-Josephs-Bahnhof ausgelobt. An städtischen Bauten sind aktuell vor allem Kindergärten und Schulen ein zentrales Thema – in beiden Bereichen ist ja ein massiver Ausbau vorgesehen, bei den Kindergärten vorrangig für Unter-3-Jährige, bei den Schulen hinsichtlich Ganztagsangebot. Auch bei den Kindergärten strebt Vassilakou offene Verfahren an. Ein weiteres Qualitätssicherungsinstrument im Planungsbereich ist der Wiener Fachbeirat für Architektur und Stadtgestaltung, der allerdings nur für spezielle Fragen eingesetzt wird. Ergänzend dazu ist von Stadträtin Vassilakou ein „ExpertInnenpool“ aus externen Fachleuten geplant, der die Bezirksvertretungen bei der Beurteilung von Bauprojekten unterstützen soll. Zusammenfassend soll es bessere Verfahren mit mehr Chancen für Junge, nicht Etablierte geben; es soll weniger Direktvergaben geben; es soll aber auch nicht auf Erfahrung verzichtet werden.

Vortrag bei der Auftaktveranstaltung zum Baukulturkonvent 2016 | Foto: Patrick Jaritz Vortrag bei der Auftaktveranstaltung zum Baukulturkonvent 2016 | Foto: Patrick Jaritz