Robert Temel
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10/2010
Flagship der Wiener Kindergärten im Stadtpark/Teil 2
Zunächst gekentert, dann doch gelandet


Was bisher geschah: Im Juli 2009 wurde von der Stadt Wien ein EU-weiter, offener Architekturwettbewerb zur Errichtung eines neuen Kindergartens im Stadtpark ausgeschrieben. Insgesamt hundert Architektenteams nahmen teil und lieferten ihre Beiträge im Oktober 2009 ab. Die Jury unter dem Vorsitz von Elsa Prochazka kam nach zweitägigen Beratungen zu dem Schluss, dass keines der Projekte die aufgestellten Kriterien in allen wichtigen Bereichen erfüllt, wenn auch einige in Teilbereichen überzeugen konnten. Daher wurde beschlossen, keinem Projekt den ersten Rang zuzuerkennen. Stattdessen empfahl die Jury, mit den Verfassern des bestgereihten Projektes in Verhandlungen über die Vergabe von Generalplanerleistungen zu treten. Die Ausloberin – die Stadt Wien - sah dazu keine Möglichkeit, weil das Projekt in weiten Bereichen umgeplant hätte werden müssen und dabei die grundsätzliche konzeptionelle Idee verloren gegangen wäre. Also entschied man, in Abstimmung mit der Architektenkammer im April 2010 einen neuerlichen, nun geladenen Wettbewerb nur für Architektenleistungen neu auszuschreiben, zu dem sieben Büros eingeladen wurden – darunter kein einziges, das beim ersten Wettbewerb teilgenommen hatte. Die TeilnehmerInnen des zweiten, geladenen Verfahrens waren Artec, Fasch & Fuchs, Hans Hollein, Martin Kohlbauer, NMPB Architekten, Gisela Podreka sowie BUSarchitektur. Die neue Jury unter dem Vorsitz von Markus Geiswinkler entschied sich für das Projekt von Martin Kohlbauer. Selbstverständlich kann niemand damit zufrieden sein, dass für dieses Resultat zwei Verfahren durchgeführt werden mussten – nicht die Ausloberin, nicht die TeilnehmerInnen des ersten Verfahrens, nicht die beiden Juries, und schlussendlich wohl auch nicht die TeilnehmerInnen des zweiten Verfahrens. Die Stadt Wien veranstaltete schließlich im Juli 2010, kurz nach der zweiten Jurierung, eine Ausstellung aller Beiträge beider Verfahren und eine Gesprächsrunde, um mit den TeilnehmerInnen zu diskutieren, wie solche Vorgänge in Zukunft vermieden werden könnten. Klar ist, dass die Aufgabe zunächst einfacher klang, als sie es schließlich war. Städtebaulich ist der Bauplatz sensibel und hat einen gewissen Repräsentationsanspruch, außerdem war das geforderte Raumprogramm auf dem Grundstück mit dem alten Baumbestand schwierig einzulösen, dazu kamen noch einige andere Probleme. Damit stellt sich aber auch die Frage, warum beim offenen Wettbewerb weder eine Vor-Ort-Begehung noch ein Hearing durchgeführt wurden, was beim zweiten Verfahren schließlich nachgeholt wurde. Die Entscheidung der ersten Jury, den TeilnehmerInnen einen Schuss vor den Bug zu liefern, indem kein Projekt als gut genug qualifiziert wurde, erwies sich jedoch eher als Schuss ins eigene Knie. Eine denkbare Lösung für die Jury wäre gewesen, von den besten Projekten eine Überarbeitung zu verlangen und erst dann zu entscheiden. Das nicht zu tun, war ein Fehler. Das schließlich prämierte Projekt aus dem zweiten, geladenen Verfahren erfüllt die engen Anforderungen zweifellos sehr gut. Ob sich das von einigen TeilnehmerInnen des ersten Verfahrens, bei dem ebenfalls etliche hervorragende Projekte eingereicht worden waren, nicht auch behaupten ließe, ist ohne eingehende Prüfung der Projekte nicht zu sagen. Man kann aber annehmen, dass dies dann der Fall gewesen wäre, wenn die TeilnehmerInnen des ersten Wettbewerbs den gleichen Wissensstand gehabt hätten wie die des zweiten nach dem Hearing und mit Kenntnis des ersten Verfahrens. Eines jedenfalls zeigt dieses Fallbeispiel deutlich: Die Kommunikation zwischen Auslobenden und TeilnehmerInnen ist bei Wettbewerben mit komplexen Anforderungsprofilen äußerst wichtig.

Parque de Tranquilidad | Foto: RT Parque de Tranquilidad | Foto: RT