Robert Temel
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6/2010
Das Ruder herumgerissen
Roland Rainers Wiener Stadthallenbad


Im Herbst 2009 wurde man bei der Wiener Stadthallengesellschaft offenbar sehr plötzlich darauf aufmerksam, dass Roland Rainers Stadthallenbad, errichtet 1971 bis 1974, dringend sanierungsbedürftig war: Unsachgemäße Umbauten in den 1980er Jahren und 35 Jahre Betrieb mit zuletzt etwa 400.000 Besuchern jährlich haben den exemplarischen Bau der Moderne schwer mitgenommen. Und da für die Olympischen Spiele 2012 hier trainiert werden muss, drängte die Zeit. Man verschwendete also nicht allzu viel Mühe auf baukulturelle Fragen. Um Zeit zu sparen, wurden zunächst ein Ingenieurbüro und eine Reihe von Ziviltechnikern mit Vorentwurf und Entwurf für die Generalsanierung beauftragt und danach im Oktober ein Verhandlungsverfahren mit vorheriger EU-weiter Bekanntmachung für alle übrigen Planungsleistungen ausgeschrieben. Nicht nur eine behutsame Sanierung, sondern gravierende Eingriffe in den Bestand waren geplant: Der Eingang sollte verlegt, die Wartebereiche und Garderoben verändert und ein völlig neuer Wellnessbereich errichtet werden. Diese schwierige, viel Fingerspitzengefühl verlangende architektonische Entwurfsaufgabe war also gar nicht Teil des Verhandlungsverfahrens, sondern wurde bereits zuvor ohne ein solches Verfahren an einen Nicht-Ziviltechniker vergeben. Zusätzlich sollte die Entscheidung in diesem Verfahren zunächst nur anhand von Referenzen und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit vergeben werden und nicht anhand einer vorgeschlagenen Lösung. Damit konnte die Architektenkammer sich nicht abfinden, sie verlangte in einem Schreiben die Erörterung gestalterischer Eingriffe im Rahmen eines offenen Architektenwettbewerbes. Das Roland-Rainer-Komitee und die Österreichische Gesellschaft für Architektur (ÖGFA) reagierten mit einem offenen Brief und verlangte die Aufhebung des Verfahrens, die ÖGFA startete einen Aufruf, der von einer Vielzahl renommierter Architektinnen und Architekten unterzeichnet wurde, und das Bundesdenkmalamt leitete ein Unterschutzstellungsverfahren ein. Der öffentliche Aufschrei zeigte Wirkung: Schließlich dämmerte es dem Auftraggeber, dass es hier nicht um ein rein technisches Sanierungsprojekt, sondern um eine dezidiert architektonische Fragestellung geht. Die in der Ausschreibung in ihrer Zusammensetzung gar nicht genannte Auswahlkommission hatte schließlich Architekten als Mitglieder und verlangte von den Verfahrensteilnehmern zusätzliche Plandarstellungen, die die architektonische Qualität der Projekte einschätzbar machen sollten, etwa eine Lösung für den Eingangsbereich und Aussagen über die Material-, Licht- und Raumkonzeption. Anfang 2010, vor der Entscheidung über den Zuschlag, wurden neuerlich Proteste laut, und Planungsstadtrat Rudi Schicker versuchte, mit einem Brief zu kalmieren: Das Denkmalamt sei ohnehin eingebunden und dadurch der behutsame Umgang mit dem Bestand gesichert. Tatsächlich wurde Rainers Stadthallenbad Anfang 2010 unter Denkmalschutz gestellt. Das Verfahren entschied schließlich Rainer-Schüler Georg Driendl unter 30 und, in der zweiten Stufe, drei Mitbewerbern für sich mit einem Projekt, das architektonisch den hohen Anforderungen sehr gut entspricht. Das Risiko bei diesem Verfahren war jedoch stets, ob unter den Teilnehmern, die sich ja zu Beginn für ein rein technisches Sanierungsprojekt beworben hatten, überhaupt entsprechend architektonisch qualifizierte Teilnehmer sein würden – diesbezüglich hatte die Stadthallengesellschaft in diesem Falle Glück gehabt.

Dachausbau | Foto: RT Dachausbau | Foto: RT