Robert Temel
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3/2010
Flagship der Wiener Kindergärten im Stadtpark
Kindergarten-Flaggschiff vorerst gekentert


Es sollte ein Wiener Vorzeigeprojekt werden: Ein neuer Kindergarten im Stadtpark, an prominentem, wenn auch städtebaulich schwierigem Ort als beispielhafte Realisierung für die Wiener Kleinkindpädagogik des 21. Jahrhunderts. Hier stand seit 1949 bereits ein Kindergarten, der nun durch ein neues Gebäude ersetzt werden sollte. Dafür schrieb man einen EU-weiten, offenen Wettbewerb aus, an dem schließlich hundert Architektenteams teilnahmen. Die Bauaufgabe Kindergarten klingt einfacher, als sie ist – vor allem dann, wenn zu den genannten Rahmenbedingungen, die bereits hohe Planungsansprüche stellen, noch weitere hinzukommen: Es sollten „moderne pädagogische Konzepte“ umgesetzt und der Passivhausstandard erreicht werden. Das Wettbewerbsergebnis – bei dem sich die Jury auf keinen erstplatzierten Sieger einigen konnte und statt dessen „nur“ einen zweiten und dritten Platz vergab - legt jedenfalls den Schluss nahe, dass nicht viele perfekt ausgearbeitete Projekte abgegeben worden waren. Doch dass bei einer derartig großen Teilnehmerschar kein adäquates Projekt für einen ersten Preis gefunden werden konnte, ist trotzdem schwer zu glauben. Die Schwierigkeiten in diesem Verfahren beginnen bereits bei der Formulierung der hohen Ansprüche, denen die Wettbewerbsausschreibung nicht ganz gerecht wird: So taucht in dieser an mehreren Stellen der Slogan von „modernen pädagogischen Konzepten“ auf – was unter solchen zu verstehen wäre, bleibt – bis auf einen „offenen Betrieb“, in dem alle Kinder das ganze Gebäude nützen können – aber unklar. Der Rahmen ist dann doch das übliche Raumbuch für Kindergärten der Stadt Wien. Außerdem scheint die Jury erst bei der Bewertung der Projekte erkannt zu haben, wie schwierig die städtebauliche Situation ist, sonst hätten ein Hearing und eine Begehung vor Ort nahe gelegt werden müssen. Nachdem die Jury zwei Tage die Wettbewerbsbeiträge gesichtet und bewertet hatte, kommt sie zu dem Schluss, dass keines der eingereichten Projekte die aufgestellten Kriterien in allen zentralen Bereichen erfüllt, wenn auch einige zumindest in Teilbereichen überzeugen können. Sie beschließt daher, keinen Sieger zu nominieren und keinem Projekt den ersten Rang zuzuerkennen. Statt dessen formuliert die Jury detaillierte Überarbeitungsauflagen für die beiden bestgereihten Projekte und empfiehlt dem Auslober, mit deren VerfasserInnen in Verhandlungen zu treten. Doch der Verzicht auf die Vergabe eines ersten Preises sollte sich als Schuss ins eigene Knie erweisen: was als Signal an die beteiligte Architektenschaft gedacht war, sich um noch mehr Qualität zu bemühen, führte schließlich dazu, dass der Auslober, die Stadt Wien, das Verfahren widerrief. Nach Ansicht der Vergabejuristen der Stadt sei es nicht vertretbar, mit dem Zweitgereihten zu verhandeln, weil das Projekt so massiv umgeplant hätte werden müssen, dass es ein völlig anderes geworden wäre. Nun wird ein geladener Wettbewerb nur für die Architektenleistungen neu ausgeschrieben, bei dem die hundert Teilnehmer des ersten Verfahrens nicht dabei sein werden. Eine denkbare Lösung für die Jury wäre gewesen, von den besten Projekten eine Überarbeitung zu verlangen und erst dann endgültig zu entscheiden – dieser Weg wurde nicht beschritten, weil man der Ansicht war, dass eine solche Überarbeitung nur in Verhandlung mit den Nutzervertretern sinnvoll sei. Eine Fehlentscheidung, wie sich nun gezeigt hat.

Supermarktarchitektur in Österreich | Foto: RT Supermarktarchitektur in Österreich | Foto: RT