Robert Temel
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10/2009
Wohn- und Pflegehaus Liebhartsthal II

Wie ältere Menschen gut leben und, falls nötig, gepflegt werden können, ist eine überaus aktuelle Frage. Das Kuratorium Wiener Pensionistenwohnhäuser (KWP) beschäftigt sich auch damit und schrieb 2008 ein Verhandlungsverfahren aus, um einen Entwurf für ein innovatives Wohn- und Pflegehaus im Liebhartsthal in Wien zu erlangen. Nach der ersten Stufe blieben drei Bieter im Rennen, denen Auflagen zur Überarbeitung gemacht wurden. In der zweiten Stufe entschied sich die Jury Anfang 2009 für den Entwurf von Delugan Meissl Associated Architects (DMAA) – ein Büro, dass zwar keine Bauerfahrung in der Geriatrie hat, aber viele andere Erfolge vorzeigen kann, insbesondere auch im geförderten Wohnbau mit seinen strikten Kostengrenzen. Die Jury erlegte den Siegern einige im Zuge der Planung noch zu klärende Punkte auf. So weit, so gut, man hätte nun mit einem Auftrag ans Siegerteam gerechnet, schließlich gibt es für ein Verhandlungsverfahren nur zwei Abschlussmöglichkeiten: eine Beauftragung oder den Widerruf des Verfahrens. Doch stattdessen flatterte DMAA eine Liste von teils den Juryvorgaben entsprechenden, teils völlig neuen Nachweis- und Änderungsforderungen als Voraussetzung für die Beauftragung ins Haus, ohne dass die Jury in diesen Schritt involviert worden wäre. Die Architekten verweigerten sich: Die nötigen Schritte könnten nach Beauftragung im Zuge der weiteren Planungsarbeit gemacht werden. KWP nutzte dies, um DMAA aus dem Verfahren auszuscheiden, die Architekten erhoben Einspruch beim Vergabekontrollsenat und bekamen Recht. Im nächsten Schritt widerrief KWP das Verfahren, wieder wurde Einspruch erhoben, die Entscheidung darüber steht noch aus. Alles in allem ein typischer Vergabestreit im Architekturbereich, besonders ist nur die Tatsache, dass die Architekten auf ihr Recht pochen. Doch das Verfahren zeigt exemplarisch einige Aspekte, die häufig auftreten und bei sorgfältiger Verfahrensgestaltung und einem Sinn für Baukultur vermieden werden könnten. So änderten sich offensichtlich im Laufe des Verfahrens die Wünsche und Ziele des Auftraggebers – was vielleicht auch, aber nicht nur mit einem Geschäftsführerinnenwechsel bei KWP zusammenhängt. Die Ausschreibung war den Anforderungen nicht angemessen. Und es scheint Auffassungsunterschiede darüber zu geben, welche Atmosphäre ein zeitgenössisches Wohnhaus für Ältere mit und ohne Pflegebedarf haben soll – ob die Positionen dazu in jedem Fall rein fachlich argumentiert werden können, sei dahingestellt. Auch hier zeigte sich: Es wird immer früher im Vorentwurfsstadium eine immer höhere Planungsschärfe verlangt, sodass der Aufwand für solche Verfahren immens steigt. Und die Teinahmekriterien waren sehr eng: Es wäre der völlig falsche Schluss, wollte man aus Liebhartsthal II schließen, dass nur Architekten mit einschlägiger Erfahrung teilnehmen dürfen. Damit wäre die architektonische Innovation radikal eingeschränkt. Es bleibt die Frage, warum Auftraggeber oft Verhandlungsverfahren statt Wettbewerben durchführen, wo doch letztere meist eine höhere Rechtssicherheit bieten. Resultat: Hohe Kosten für Verfahren und Rechtsstreit auf beiden Seiten, Zeitverlust für die zukünftigen Bewohner, eine Lösung des Problems ist nicht absehbar.

Baugemeinschaft Wagnis 1 in München | Foto: RT Baugemeinschaft Wagnis 1 in München | Foto: RT