Robert Temel
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11/2008
Shopping City Schwaz

Tirol gilt im Reigen der österreichischen Bundesländer – zusammen mit Vorarlberg – als gelobtes Land der Baukultur: Wettbewerbswesen, Vermittlungsarbeit, Auftraggeberqualität, mit all dem steht es dort jedenfalls im Vergleich zum Besten. Daher werden die jüngsten Ereignisse in Schwaz doch als einigermaßen ungewöhnlich wahrgenommen, auch wenn sie in anderen Bundesländern kaum mehr auffielen: Anfangs wurde das zentral gelegene ehemalige Areal (15.000 m²) der Austria Tabakwerke, die diesen Standort vor drei Jahren schlossen, um fünf bis sieben Millionen Euro an den Unternehmer Günther Berghofer (Adler Lacke) verkauft. Der neue Eigentümer konnte dafür gewonnen werden, einen Architekturwettbewerb durchzuführen, um das beste Projekt zur Bebauung des Grundstücks zu finden. Hier sollte nicht nur ein innerstädtisches Shopping Center entstehen – auf der grünen Wiese sind solche in Tirol seit dem Raumordnungsgesetz 2005 faktisch nicht mehr möglich – , sondern auch Wohnungen, ein Hotel, ein Veranstaltungssaal und attraktive Freiräume. Der neue Stadtteil sollte in Schwaz derzeit fehlende Funktionen anbieten und mit dem historischen Umfeld zusammen ein neues, attraktives Zentrum bilden. Den geladenen Wettbewerb (7.000 Euro Aufwandsentschädigung) gewannen Henke und Schreieck mit einem Projekt, das überzeugend die Verbindung zwischen Alt und Neu herstellt, zwei dritte Preise wurden an Delugan Meissl und Rüdiger Lainer vergeben. Weitere Teilnehmer waren Gernot Benko, Delta Projektconsult, Hans-Peter Vogler und Heinz Tesar. Die Jury bestand aus den Architekten Hans Gangoly und Much Untertrifaller sowie Vertretern der Stadt und des Eigentümers AGB Projekt- und Immobilienentwicklungs GmbH. Bürgermeister Hans Lintner meinte bereits damals, im Frühjahr 2007, gegenüber ORF On: „Die Angst ist, dass das Projekt so modern wird, dass es nicht zur alten Stadt passt. Die Hoffnung ist, dass das Alte und Neue miteinander harmonieren. Ich bin mir sicher, dass es gelingt, zweiteres umzusetzen.“ Leider hat die Sicherheit nicht gereicht. Nach Abschluss des Wettbewerbs kam Sand ins Getriebe, und nach etwa eineinhalb Jahren erfuhren die Wettbewerbsgewinner nicht etwa vom Eigentümer oder der Stadt, sondern aus der Presse, dass mittlerweile ein anderer Architekt und Spezialist für Einkaufszentren, Hans Heinrich Brunner, beauftragt worden wäre. Der Eigentümer hätte kein Vertrauen zu Henke und Schreieck entwickelt, heißt es, dem Bürgermeister ist die Sache „unangenehm“, doch es ginge um die Verantwortung für den Projekterfolg. Der wirtschaftliche Erfolg wird wohl nicht auf sich warten lassen, ob der aber mit der Nutzungsqualität verknüpft ist, die man sich für diesen Stadtteil wünschen würde, kann bezweifelt werden.

Baugemeinschaft Wagnis 1 in München | Foto: RT Baugemeinschaft Wagnis 1 in München | Foto: RT