Robert Temel
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7–8/2016
Wettbewerb Öffentlicher Raum Seeparkquartier Aspern Seestadt, Wien
Fokus auf den öffentlichen Raum


Der südliche Teil der Seestadt Aspern in Wien-Donaustadt ist weitgehend fertiggestellt – was noch fehlt, ist die Mitte: Dort, wo einmal geplant war, einen Campus der Technischen Universität Wien zu realisieren, soll ein gemischt genutztes Gebiet mit Wohnen und Gewerbe entstehen. Für dieses Areal, das so genannte Seeparkquartier, wurde nun ein Wettbewerb zur Gestaltung des öffentlichen Raums durchgeführt. In der Seestadt hat man einen Fehler nicht wiederholt, der die Qualität vieler Wiener Stadterweiterungsprojekte der letzten Jahrzehnte beeinträchtigt: Die Vernachlässigung des öffentlichen Raums. Bereits der Masterplan von Johannes Tovatt stellte die hochwertige Gestaltung der Straßen, Plätze und Parks in den Mittelpunkt. Danach entstand die „Partitur des öffentlichen Raums“, ein Leitfaden des Stadtgestalters Jan Gehl für die Seestadt, ebenso wie der Masterplan Resultat eines internationalen Wettbewerbs. Die Freiräume der Seestadt wurden mithilfe vieler kleiner und mancher großer wettbewerblicher Verfahren geplant. Das städtebauliche Konzept für das Seeparkquartier schließlich stammt von Rüdiger Lainer, der sich dafür von mittelalterlichen italienischen Stadträumen inspirieren ließ und auf Kleinteiligkeit, ja geradezu verwinkelte Freiräume setzte. Die Gebäude im neuen Quartier lassen Herausragendes erwarten – so sind ein Hotel im Holzhochhaus von Rüdiger Lainer, ein Wohnhochhaus von Querkraft und ein Universitäts-Gästehaus von Helen und Hard geplant. Auch hier wurde ein offener, EU-weiter Wettbewerb für die Gestaltung des öffentlichen Raums ausgeschrieben. Es geht um ein Areal von etwa 250 mal 300 Metern mit acht Baufeldern, das im Norden an den Seepark, im Osten an die U-Bahntrasse, im Süden an die Sonnenallee, die Asperner Ringstraße, und im Westen an die Einkaufsachse Maria-Tusch-Straße grenzt. In der ersten Stufe nahmen 25 Büros teil. Sechs Entwürfe wurden für eine Vertiefung in der zweiten Stufe ausgewählt. Im Verfahren versuchte man, den Dialog mit den Teilnehmern zur komplexen Situation zu ermöglichen. Dafür konnten sich jedoch Ausloberin und Kammer auf kein sinnvolles Modell einigen, das Argument der absoluten Anonymität war stärker: Für die Teilnehmer wurde ein Hearing angeboten, allerdings nicht mit dem Preisgericht, sondern mit dem Aspern-Beirat, dem städtebaulichen Qualitätssicherungsgremium der Seestadt. Den ersten Preis errang schließlich das Büro Rotzler Krebs Partner aus Winterthur in der Schweiz, Rajek Barosch erhielten den zweiten Preis, Breimann & Bruun aus Hamburg einen Ankauf. Die weiteren Teilnehmer der zweiten Stufe waren Topotek 1, Arge Tilia Nuler und Bauchplan. Das Siegerprojekt arbeitet mit einem einfachen, durchgehenden Belag aus Asphalt sowie Graniteinfassungen der Gebäude. Möbel aus Granit und Holz sowie Platanen strukturieren die Räume. Zentrales, die Platzabfolge verbindendes Element ist eine Reihe von fünf großen Brunnenskulpturen, die als rotationssymmetrische Granitobjekte geplant sind. Erschütternd ist nur, dass Juryvorsitzender und Preisträger denselben Namen tragen: Stefan Rotzler, Mitglied des Aspern-Beirats und Vorsitzender des Preisgerichts, verließ vor zwei Jahren endgültig sein damaliges Landschaftsarchitekturbüro, das nach wie vor seinen Namen im Titel trägt und offensichtlich ohne sein Wissen an dem Verfahren teilgenommen hat. Das macht ohne Frage keinen guten Eindruck, gerade in Wien, wo vielen Verfahren unsaubere Praktiken nachgesagt werden. Die Verfahrensorganisatoren von Raumposition prüften vorab die vollständige geschäftliche und finanzielle Unabhängigkeit. Dazu kommt, dass der einfache, urbane Entwurf des Siegerprojekts ist aber fraglos der beste Beitrag im Verfahren. Das, zusammen mit der Tatsache, dass Stefan Rotzler als Schweizer zweifellos aus einer höher entwickelten Wettbewerbskultur als Ostösterreich kommt, lässt mich schließen: Das Resultat ist gut.

Broschüre baukulturelles Programm | Foto: RT Broschüre baukulturelles Programm | Foto: RT