Robert Temel
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3/2015
Baugruppen und Quartiershäuser am Wiener Hauptbahnhof
Wettbewerbe für Architektur und Nutzungen


Wichtigstes Ziel eines Architekturwettbewerbes ist es, das beste Projekt für einen bestimmten Ort und eine bestimmte Nutzung zu erhalten. Manchmal, insbesondere bei der Entwicklung größerer neuer Stadtgebiete, die aus vielen Neubauten mit nicht immer klar definierten Nutzungen bestehen, kann die ausschließliche Projektauswahl über Architekturwettbewerbe aber problematisch sein. Deshalb gibt es deshalb gestaffelte Verfahren, beispielsweise in der Hamburger Hafencity: Zunächst wird ein Auswahlverfahren für Nutzer durchgeführt, bei dem ausgesucht wird, welcher Projektentwickler das beste Nutzungskonzept für den Ort hat. Danach veranstaltet der siegreiche Nutzer einen Architekturwettbewerb. Diese Vorgangsweise stößt jedoch (auch in der Hafencity) an Grenzen, wenn es sich um besonders kleine Projekte handelt – und weil es, vor allem bei besonders innovativen Nutzungen, durchaus sinnvoll ist, Nutzung und Architektur in gegenseitigem Austausch und nicht nacheinander zu entwickeln. Die ÖBB hat deshalb, in Absprache mit der Stadt Wien für das Areal „Leben am Helmut-Zilk-Park“ am Wiener Hauptbahnhof im 10. Bezirk bei einem Teil der Grundstücke eine Verfahrensform gestartet, in der Nutzung und Architektur gleichzeitig bewertet werden. Dabei handelt es sich um Baugruppen-Grundstücke und um Grundstücke für so genannte „Quartiershäuser“. Das Konzept Baugruppe ist heute wohl bekannt: Es handelt sich dabei um Gruppen von Einzelpersonen, Familien im breitesten Sinne, Wohn- und Lebensgemeinschaften, die zusammen ein Wohnhaus entwickeln, bauen und dann selbst bewohnen. Der Begriff Quartiershaus ist weniger gebräuchlich: Damit sind Gebäude gemeint, die gemischte Nutzungen realisieren, die also nicht ausschließlich aus Wohnen oder ausschließlich aus Büroflächen bestehen, sondern zumindest im Erdgeschoß, optimalerweise aber im gesamten Haus eine Kombination verschiedener Nutzungen bieten, um das neu entstehende Stadtviertel zu beleben. Beide Projektarten, Baugruppen wie Quartiershäuser, stellen besondere Ansprüche nicht nur an die Architektur, sondern auch an die Innovationskraft der Projektentwickler und Nutzer. Deshalb werden dafür Bewerbungsverfahren durchgeführt, bei denen die Käufer der Grundstücke von einer unabhängigen Jury, dem „Quartiersentwicklungsgremium“, ausgewählt werden. Der Kaufpreis der Grundstücke ist fixiert, die Auswahl erfolgt anhand der eingereichten Konzepte. Diese Konzepte werden von den Projektentwicklern zusammen mit Architekten ausgearbeitet. Das Gremium bewertet nicht allein die (als Konzept formulierte) Architektur, sondern auch das Nutzungskonzept – insbesondere die Art und Weise, wie sich das jeweilige Projekt in die zukünftige städtebauliche Situation einfügen will; wie es zum Charakter des zukünftigen Stadtviertels beiträgt, etwa indem es bestimmte Erdgeschoßnutzungen anbietet, indem es die Schwelle zwischen privaten und öffentlichen Räumen entsprechend sorgfältig architektonisch formuliert oder Nutzungen integriert, die das Viertel zu verschiedenen Tageszeiten beleben. Die ersten beiden dieser Verfahren starteten im Jänner 2015, ein drittes wird Anfang 2016 folgen. Es ist klar, dass es sich dabei um einen Sonderfall handelt, der keineswegs für jedes Projekt in Stadterweiterungsgebieten geeignet ist. Aber es ist zu hoffen, dass dadurch beim Thema Nutzungsmischung ein Schritt vorwärts gelingen kann.

Der Autor fungiert im Auftrag der ÖBB-Immobilienmanagement GmbH als Verfahrensorganisator für die beschriebenen Verfahren.

Hofsituation in Tübingen | Foto: RT Hofsituation in Tübingen | Foto: RT