Robert Temel
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Vortrag für Zuhörer am „fliegenden Teppich“ im Wiener Prater, Fotos: li. Helmut Prochart, re. Daniel Pufe 2012
„Mit dem eigenen Körper die Stadt machen“, Vortrag im Rahmen des urbanize-Festivals 2012 im Wiener Prater als Teil der Vortragsreihe Spectacolo! von Oliver Hangl bei der Praterattraktion „Fliegender Teppich“ am 14. Oktober 2012.

Der Text des vierminütigen Vortrags:


Mit dem eigenen Körper die Stadt machen

Wir alle Stadtbenützerinnen und Stadtbenützer machen die Stadt nicht nur, indem wir Materialitäten verändern, Räume aneignen, neue Praktiken ausprobieren – all das bezieht sich auf unsere Körper und die Körper der anderen, denn nur so, mit dem materiellen Körper, können wir Materielles leisten; und nur mit dem ausgedehnten Körper können wir Räume einnehmen; und nur mit dem Körper, in dem unsere Routinen und Handlungsfähigkeiten gespeichert sind, können wir Träger von Praktiken sein. Wir machen die Stadt andererseits aber auch, ganz ohne dass wir in ihr Veränderungen vornehmen, einfach indem wir uns mit unserem Körper ins Verhältnis zu ihr setzen und so zunächst nur uns und diesen Körper verändern – mittelbar aber das herstellen, was uns in der Stadt und mit der Stadt möglich scheint. Wir – und das heißt, wir als ein Element in der Masse der Stadtbenützer – verändern die Räume um uns, die dadurch wiederum uns verändern, was die Möglichkeiten beeinflusst, wie wir diese Räume weiter verändern können. Wir machen die Stadt und wir werden von der Stadt gemacht. Michel de Certeau formulierte in seiner „Kunst des Handelns“ zwei Bilder des Blicks auf die Stadt, die zwei verschiedenen solchen Produktionsweisen entsprechen. Die eine Perspektive ist jene aus dem 110. Stock des ehemaligen World Trade Center in Manhattan, durch das „Sonnenauge oder mit dem Blick eines Gottes“, wie er schreibt. Von dort wird die Stadt zum maßlosesten aller menschlichen Texte, den man in seiner Gänze aufzufassen scheint, wir und unser Körper sind dem mächtigen Zugriff der Stadt entrissen, nicht mehr von den Straßen umschlungen, nicht mehr Spieler und nicht mehr Spielball, nicht mehr – und das klingt doch ähnlich wie Ihre aktuelle Situation – von dem Wirrwarr der vielen Gegensätze und der Nervosität der Straße erfasst. Nein, wer dort hinaufsteigt, verlässt die Masse, die erhöhte Stellung macht ihn oder sie zum Voyeur, verschafft Distanz, verwandelt die Welt, von der man „besessen“ war, in einen Text, den man vor sich unter den Augen hat. Ausschließlich dieser Blickpunkt zu sein, das ist die Fiktion des Wissens, und der Turm erzeugt diese Fiktion – wohlgemerkt über unseren Körper. Ganz anders ist der Blick, wenn man in den Straßen eingetaucht ist. Das ist jener der Fußgänger, deren Körper dem Schriftbild eines städtischen „Textes“ folgen, den sie schreiben, ohne ihn lesen zu können. Die Wege, auf denen man sich in dieser Verflechtung trifft, sind unbewusste sprachliche Gebilde, bei denen jeder Körper eine von vielen anderen Körpern miterzeugte Äußerung ist, sie entziehen sich der Lesbarkeit. Im Gehen, über unseren Körper ist uns hier jenes Alltägliche unmittelbar, doch nur ausschnitthaft deutlich, das keine Oberfläche hat, von oben fremd ist. Wo Sie jetzt sind, haben sie keinen dieser beiden Blicke, und doch sind ihre Körper den beiden Perspektiven nahe: Einerseits distanziert und abgehoben von der Stadt, die ihnen nun fern ist; und andererseits mittendrin, in einem körperlich erfahrenen Prozess, der nicht bleibt, der nur Aktivität ist und beim Blick von außerhalb verkannt wird, wie ich Ihnen versichern kann. Einerseits ist das ein bisschen wie am Dach des World Trade Center bei starkem Wind und vor einer zu niedrigen Brüstung; andererseits aber gar nicht, sie sind ja unten, drinnen, in stetigem Auf und Ab, im Hier und Da und nicht fern von allem; wenn Sie auch die umgebenden Straßen, die Stadt, von oben sehen, allerdings immer nur kurz. Sie befinden sich also genau zwischen der primären Produktion von Stadt, die – jedenfalls war das bisher so – die Perspektive von oben, die Distanzierung voraussetzt; und der sekundären Produktion, wie das de Certeau nennt, der Stadtbenützer, die sie in ihren Alltagspraktiken im von den primären Produzenten gemachten Raum durchführen, diesen also aneignen, realisieren, mit Beziehungen überlagern. Und vielleicht müsste man genau dort sein, um sinnvoll Stadt machen zu können.

Baufeld D13 in der Seestadt Aspern, Wien | Foto: RT Baufeld D13 in der Seestadt Aspern, Wien | Foto: RT