Robert Temel
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2005
„Schutz des Kulturerbes in Österreich. Eine Machbarkeitsstudie über seine Definition, Erfassung und Erhaltung“, in: Moritz Csaky, Monika Sommer: Kulturerbe als soziokulturelle Praxis, Wien 2005, S.173–180

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Ausschnitt S. 173:


Kulturen und ihre Träger
Was man gemeinhin unter „Kulturerbe“ versteht, ob nun materiell oder immateriell, dient als ein Identifikationsangebot für Individuen und Gruppen. Es ist als solches wiederum Ausdruck von früheren Gruppen- oder Individualidentitäten, die damit einerseits Kontinuität finden und andererseits dadurch, dass sie eben nur Angebote, aber keine Verpflichtungen formulieren, in der neuen Verwendung Adaptionen erfahren. Diese Dialektik aus Fortführung und Veränderung ist es, die Kultur ständig produziert. Der konventionelle Maßstab, in dem dieses Erbe betrachtet wird, ist die Nation, jedoch traten dieser in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend andere Kollektive zur Seite, ob nun kleiner, wie etwa im Falle von Jugendkulturen, MigrantInnenkulturen oder der ominösen „Leitkultur“, oder größer, wie im Falle der viel beschworenen europäischen Identität, oder einer westlichen Kultur, die sich in Konfrontationsstellung gegenüber anderen Kulturen befände, oder gar einer Weltkultur, die schon ins Anthropologische reichen müsste. Vor allem die Ethnologie, die  und die Beschäftigung mit Interkulturalität in der jüngeren Vergangenheit haben in Frage gestellt, ob nur Nationen „kulturfähig“ seien, und damit die Erkenntnis befördert, dass jedes Kollektiv seine Kultur hat, die in sich wiederum divergent ist, da durch viele verschiedene Individuen und Subkollektive aktualisiert. Kultur ist systematisch zweideutig, sie ist ohne Divergenz und Diversität nicht möglich, ja wird sogar als Institution verstanden, deren zentrale Aufgabe es sei, auf Alternativen zum Bestehenden hinzuweisen, womit Kultur immer am Weg zur Subkultur wäre. Erst in zweiter Linie ist sie ein Versuch, die Zweideutigkeit durch Identitäten und Authentizitäten auszuräumen – diese beiden Konzepte sind schließlich das Ergebnis von Reflexion über die je eigene Kultur und setzen somit den Kontakt mit Alternativen und damit das Wissen über die eigene Kontingenz voraus. Die Begründung der modernen Kultur in Kulturkontakten, also in der Konfrontation mit der Tatsache, dass alles, was einem so selbstverständlich erscheint, natürlich auch anders sein könnte, erzeugt die doppelte Codierung jeder Kulturäußerung. Jeder der festgestellten Unterschiede zwischen der jeweils eigenen Kultur und einer beliebigen anderen bedeutet einerseits, was er immer schon innerhalb der Kultur bedeutete, und ist andererseits als Unterschied markiert und somit kontingent gesetzt. „Der einzige Schutzraum ist die Folklore, und die ist hochgradig abhängig von der Unterstützung durch die moderne Gesellschaft (Kulturpolitik, Tourismus, Film- und Musikindustrie).“ Somit endet der moderne Kulturbegriff in der Paradoxie, einerseits, gewissermaßen im Verborgenen, jede Kultur als Kontingenz zu zeigen, um andererseits, auf der offensichtlichen Seite, umso mehr die Konstruktion von Identitäten und Authentizitäten zu fördern und zu fordern. Und um die Beschäftigung mit diesen Identitäten und Authentizitäten handelt es sich, wenn wir uns – darin reflexiv – mit welchem Kulturerbe auch immer auseinander setzen.

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