Robert Temel
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2007
„Temporäre Bauten“, Buchrezension von „Architektur auf Zeit. Baracken, Pavillons, Container“ hg. von Axel Doßmann et al., in: dérive 26, Januar 2007, S. 52

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Ausschnitt:

Gemäß den Autoren sind Architekturen auf Zeit ein Mittel, um Verwaltung zu optimieren: auf Fragen des Bevölkerungs- und Stadtwachstums, der Hygiene, Mobilität und Sicherheit, des Kriegs und Handels kann man damit schneller, flexibler und berechenbarer antworten. Die Bauten sind die technische Antwort auf soziale und ökonomische Probleme. Dies gilt bereits für das 19. Jahrhundert, doch auch heute bieten Provisorien eine erwünschte Vermischung von „Berechenbarkeit und Kontingenz“ – Herrschaft basiert demgemäß auf der Operationalisierung und Inszenierung von Paradoxa. Die provisorischen Bauweisen ermöglichen rasches Reagieren, schnelle Errichtung und Entfernung, große Flexibilität und geringe Kosten. In vielen Fällen werden sie allerdings zu Dauereinrichtungen, wie etwa im Falle der Flüchtlings-Containerlager. Und auch das ist kein Zufall: die Dauerprovisorien zeigen nicht nur, dass hier wenig Geld für Asylwerber ausgegeben wird. Sie signalisieren auch eine doppelte Temporalität: erstens der Bewohner, die ja nur kurzfristig hier wohnen sollen, um bald einen regulären Status zu erlangen (wo auch immer); und zweitens des sozialen und politischen Problems, das bald „gelöst“ sein soll und dann die Lager unnötig machen wird. Dazu gibt es durchaus symbolische Entsprechungen beim provisorischen Lebensstil der „urbanen Penner“, wie das kürzlich in der Berliner zitty genannt wurde, also der unter prekären Bedingungen tätigen Kulturarbeiter, der sich ebenso im Temporären, in zwischengenutzten Fabrikslofts, leeren Geschäftslokalen und temporären Clubs manifestiert.

Futurum-Schule bei Stockholm | Foto: RT Futurum-Schule bei Stockholm | Foto: RT