Robert Temel
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2008
White Paper focus: Architektur, im Auftrag von departure wirtschaft, kunst und kultur gmbh, Wien 2008, 52 S. (mit Christian Dögl)

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Ausschnitt S. 14–16:

Innovation in der Architektur


departure fördert Innovation im Kreativbereich. Dementsprechend sind innovative Ansätze bei den in Kapitel 5 und 6 beschriebenen Bauaufgaben und Querschnittsmaterien sowie in ergänzenden Bereichen, die im Kapitel 7 dargestellt sind, das Ziel. Viele Architekturschaffende nehmen für sich in Anspruch, dass ihre Arbeit grundsätzlich innovativ ist – jedenfalls ihre Entwurfstätigkeit. Es geht dabei darum, ausgehend von einem vorgegebenen Programm von Seiten der AuftraggeberInnen, eine räumliche, funktional-organisatorische und ästhetische Lösung zu finden – und dies lässt meist keine direkte Übersetzung zu, sondern erfordert das Gegeneinander-Abwägen von Zielen und Bedingungen, das Ausprobieren verschiedener Lösungsansätze und mitunter auch das Infragestellen des vorgegebenen Programms. Innovationen können dabei unter anderem in formaler, funktionaler, konstruktiver, typologischer oder semantischer Hinsicht entwickelt werden. Quasi als Institutionalisierung dieser Innovationspraxis und als Herausforderung unkonventioneller, kontra - intuitiver Lösungen für ein Programm dient der Architekturwettbewerb, jedenfalls in der Grundidee dieses Instrumentes, sei sie heute auch kaum mehr in dieser Form vorhanden. Vor allem Ideenwettbewerbe – die Form, die es heute am wenigsten gibt – sollen diejenigen Ansätze provozieren, die nicht nahe liegend sind.
Mit dem Themencall focus: Architektur setzt departure Impulse, um nachhaltige, längerfristige Verbesserungen bei Architekturbüros zu initiieren. Dabei geht es nicht um einzelprojektbezogene Innovation, sondern um Projekte, die die in Einzelprojekten erzielten Innovationen nachhaltig nutzbar machen. Es geht demnach darum, Innovationsprojekte durchzuführen, die es erlauben, den spezifischen USP (unique selling proposition) eines Unternehmens zu entwickeln.
Eine ebenfalls weit verbreitete Auffassung von Innovation in der Architektur betrifft die Entwicklung neuer Materialien und Bauprodukte, an der Architekturschaffende beteiligt sind, also Produktentwicklung im engeren Sinne, wenn es sich dabei auch nicht um klassische Produkte von Architekturschaffenden handelt. Trotzdem waren diese schon immer an solchen Entwicklungen beteiligt, da sie durch ihren generalistischen Blick auf den Bauprozess Einblicke haben, die bei anderen TeilnehmerInnen am Prozess fehlen.
Wendet man sich nun den Produkten selbst zu, also der Planung, die Architekturschaffende durchführen, dann befindet man sich im Bereich der Dienstleistungsinnovation, wo Innovationsforschung und -management bei weitem nicht so entwickelt sind wie bei physischen Produkten. Es geht dabei entweder um neue Dienstleistungen oder um bereits existierende Dienstleistungen mit neuen Qualitäten. Obwohl der Begriff Dienstleistung bei Architekturschaffenden wenig beliebt ist, besitzt er in diesem Kontext einige Bedeutung: Immerhin impliziert er automatisch NutzerInnenorientierung, und das ist heute in der Architektur ein wichtiges Thema.
Die Abgrenzung zwischen Dienstleistungsinnovation und der Umstellung von Produktions- und Zulieferungsmethoden im Architekturbereich ist schwierig. Wenn man aber unter Ersterem die Änderung des Produkts versteht, unabhängig davon, wie es produziert wird, dann kann der zweite Bereich als derjenige verstanden werden, bei dem sich vor allem die Produktionsmethoden ändern, egal, ob dadurch auch das Produkt ein anderes wird. Dazu kann dann etwa die Entwicklungstätigkeit für IKT-Tools (Informations- und Kommunikationstechnologien) im Planungsbereich gezählt werden.
Der nächste Sektor betrifft die Umstellung und Ausweitung der Märkte: Dabei kann es sich einerseits darum handeln, dass Architekturschaffende in den Bereichen der Bauplanung tätig werden, in denen sie bisher unterrepräsentiert sind, also etwa bei Infrastrukturbauten. Oder es kann darum gehen, in Märkten tätig zu werden, die außerhalb des Bauplanungsbereiches liegen, also etwa Corporate Design. Im zweiten Fall wäre zu fragen, was Architekturschaffende hier über das hinaus leisten können, was die bisherigen MarktanbieterInnen produzieren – oder welche neuen Märkte etabliert werden können, die es bisher überhaupt nicht gab.
Schließlich bleibt die Umstellung der Vertriebsmethoden. Übliche Vorgangsweisen in diesem Bereich sind vor allem der Direktauftrag, wobei Bauherren die Architekturschaffenden über eine Reihe möglicher Kanäle kennen müssen (Folgeprojekte, Vermittlung über Netzwerke, andere Bauherren, Direktbewerbungen/Werbung, Medienberichte etc.), und der Wettbewerb sowie andere formalisierte Vergabeverfahren. Innovativ wären hier etwa neue Wege, zu AuftraggeberInnen zu gelangen, aber auch Haftungs- und Marketingverbünde, der Zusammenschluss von PlanerInnen mit verschiedenen Arbeitsschwerpunkten zu Vertriebszwecken, Werbung und Branding.
Der Wohnbauforscher Wolfgang Amann stellte kürzlich in einer Studie zum Thema Innovation im Baubereich fest, dass die gesamtösterreichische Forschungsquote 2006 bei 2,43 % des Bruttoinlandsproduktes lag, während die Bauwirtschaft bei 0,24 %, also einem Zehntel, liegt – und dies bezieht auch die Architekturschaffenden mit ein (Wolfgang Amann, Stefan Ramaseder: Forschungsbedarf in der Bauwirtschaft. Eine Potenzialanalyse, Wien 2006, S. 6). Laut dieser Studie sind die größten Innovationspotenziale für Architekturschaffende sowie PlanerInnen insgesamt im Bereich Dienstleistungen zu finden, danach kommen Systeme, dann Prozesse, Marketing und Finanzierung (wobei die Letzteren beiden eher auf BauträgerInnen bezogen sind). Wenig Potenzial wird für die Bereiche Produkte und Logistik gesehen (S. 16f.). Das Innovationspotenzial der Architekturschaffenden ist in Relation zum System der Bauwirtschaft zu sehen, dessen Teil sie sind.
Die Konzentration auf die Schnittstellen in diesem System bietet besonderes Innovationspotenzial: Schnittstellen zwischen den beteiligten Subsystemen, aber auch innerhalb dieser Subsysteme.
Eine Besonderheit des österreichischen Baumarkts ist die Tatsache, dass der Anteil der Bauwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt hierzulande mit etwa 7,5 % deutlich über dem EU-Durchschnitt von 6 % liegt. Das lässt erwarten, dass sich die österreichische Bauleistung langfristig an den EU-Durchschnitt angleichen wird und somit für österreichische AnbieterInnen am Planungs- und Baumarkt der Export besondere Bedeutung besitzt, weil der Inlandsmarkt tendenziell rückläufig ist. Da Österreich sowohl bei der Planung als auch beim Bauen in einigen Bereichen weltweit führend ist, ist die prinzipielle Ausgangsposition dafür gut.

Wohnprojekt B.R.O.T. Hernals | Foto: RT Wohnprojekt B.R.O.T. Hernals | Foto: RT