Robert Temel
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2006
Wissenschaftliches und kulturelles Erbe in Österreich. Über die Definition, Sammlung, Erfassung, Erhaltung und Zugänglichkeit von wissenschaftlichen Quellen, Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur und des Rates für Forschung und Technologieentwicklung, Wien 2006, 182 S. (mit Christian Dögl, Ela Kagel)

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Ausschnitt S. 134–135:

Viele österreichische Museen haben aufgrund ihrer außergewöhnlichen Sammlungen und deren Attraktivität nur wenig Antrieb, partizipatorische Strategien einzusetzen: Sie wählen gewissermaßen ein „repräsentatives“ Modell und orientieren sich mehr auf Information und Vermittlung statt auf Kommunikation und Partizipation. Damit im Zusammenhang stehen auch die bei einigen Sammlungen, vor allem bei den Häusern von internationalem Anspruch, durchaus hohen Eintrittsbarrieren für Menschen, die an der Teilhabe an dieser Form der Kultur nicht gewöhnt sind. Auch aufgrund des Einnahmendrucks für die Sammlungen werden eher große Blockbuster-Ausstellungen als Mittel zum Ansprechen breiterer Publikumsschichten gesehen als Partizipation, vor allem auch weil erstere hervorragend geeignet sind, auch StädtetouristInnen anzusprechen (wobei Großausstellungen und partizipative Strategien beileibe kein Widerspruch sein müssen). In die gleiche Richtung geht es bei der Einführung neuer Angebote auf Basis der Digitalisierung und des Internet: diese werden oft eher als mögliche zusätzliche Einnahmequellen statt als partizipatorische Instrumente gesehen.
Kunstvermittlung und damit der Kompetenzsektor eines Museums, der am ehesten direkt mit Partizipation zu tun hat, wird heute zunehmend wichtig. Andererseits ist genau das einer der Bereiche, die oft nicht im Zentrum der musealen Arbeit stehen, sondern zunehmend von Externen, von Kleinunternehmen oder EinzelunternehmerInnen außerhalb der Museen, die typische VertreterInnen der Creative Industries sind, umgesetzt werden. Das hat sowohl Vorteile als auch Nachteile: einerseits bringen diese Externen innovative Zugänge in die Museen und fördern somit deren Erneuerungskraft; andererseits sind sie in der internen Struktur oft kaum verankert, haben somit wenig Einfluss auf wichtige Entscheidungen, und mit ihnen steht auch ihr Kompetenzbereich selbst, die partizipative und vermittlerische Arbeit, nicht im Mittelpunkt des Interesses der Museen – kuratorische und wissenschaftliche Arbeit der Museen findet somit manchmal ohne nennenswerten Einfluss von dieser Seite statt.
Dabei sind partizipatorische Strategien nicht nur Mittel, um neue Besucherkreise zu erschließen und die Besucherzahlen insgesamt auszuweiten sowie den BesucherInnen die Möglichkeit zur Teilhabe zu geben, sondern sie bieten darüber hinausgehend auch großes Potenzial für die Sammlungs- und Ausstellungsarbeit selbst. Das reicht vom Erwerb von Objekten, wie das selten im Museumskontext, aber manchmal bei größeren Einzelausstellungen praktiziert wird (etwa die „Berg der Erinnerungen“-Ausstellung in Graz 2003 oder die Sammlungstätigkeit für die Staatsvertragsausstellung in der Schallaburg 2005), bis zur Erschließung neuer Informationen über den Kontext von Objekten.

Wie macht man eine neue Professorin? | Foto: RT Wie macht man eine neue Professorin? | Foto: RT