Robert Temel
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2003
ARGE Umfeld Augarten (Peter Döllmann, Silvin Seelich, Robert Temel): Studie Umfeld Augarten, Wien 2003, 56+17 S.

Studie Booklet

Studie Pläne

Ausschnitt S. 7–8:

Historischer Abriss


Im Karmeliterviertel lag der Kern der heutigen Leopoldstadt bzw. des gesamten Inselgebietes zwischen Donaukanal und Donau inklusive Brigittenau, das jüdische Ghetto im „Unteren Werd“, das von 1624 bis 1669/70 bestand und in den Vertreibungen der „Zweiten Wiener Gesera“ endete, nachdem bereits 1420/21 die Juden aus dem Ghetto in der Inneren Stadt ermordet oder vertrieben worden waren. Wenige Gebäude und keine Straßennamen aus dieser Zeit sind erhalten, nur die stadträumliche Struktur des Viertels orientiert sich noch weitgehend an der damaligen Besiedlung. Auf den Grundmauern der Synagoge wurde Ende des 17. Jahrhunderts die dem Bezirk den Namen gebende Pfarrkirche St. Leopold errichtet.

Eine neuerliche intensivere Besiedlung erfolgte nach der zweiten Türkenbelagerung 1683 und dem Bau des Hochwasserschutzdammes entlang der heutigen Oberen Augartenstraße, in deren Folge Häuser für eine Bevölkerung mit geringem Einkommen ebenso wie Sommerwohnsitze für Adelsfamilien errichtet wurden, sowie eine Kavalleriekaserne im Gebiet der heutigen „Weiser-Gründe“. Im Biedermeier war die Leopoldstadt ein zentrales Vergnügungs-viertel, in dem eines der drei Wiener Vorstadttheater (Leopoldstädter Theater, später Carl-Theater genannt) ebenso angesiedelt war wie viele große Tanzetablissements (Sperls Tanzsaal, Odeon, Dianabad).

Nach der Revolution 1848 erfolgte eine massive, zu einem großen Teil jüdische Zuwanderung in die Leopoldstadt aus den nordöstlichen Gebieten der Monarchie, aus Böhmen, Mähren, Ungarn und Galizien. Die starke jüdische Besiedlung in dieser Zeit führte zum Bau vieler Synagogen (Große Schiffgasse, Leopoldsgasse, Pazmanitengasse, Tempelgasse, Zirkusgasse, Kluckygasse) und jüdischer Einrichtungen, die heute beinahe restlos zerstört sind (einzig vom großen Tempel von Ludwig Förster in der Tempelgasse sind Reste der Seitenflügel erhalten). Mit den beiden großen Zuwanderungstoren Nordbahnhof (1838 der erste Kopfbahnhof Wiens, Neubau 1865, die Nordbahn verlief nach Breslau, Warschau und Berlin) und Nordwestbahnhof (1873 der zuletzt errichtete Kopfbahnhof Wiens, nach Znaim, Iglau, Kolin) wurde die Leopoldstadt wichtiges Migrantenwohngebiet mit entsprechend hoher Armut, andererseits aber auch der zentrale Wiener Industriebezirk in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, da sich durch die Eisenbahn die Industrieproduktion Wiens von der alten Ost-West-Achse entlang des Wientals zur Nord-Süd-Achse entlang der Eisenbahn (Nordbahnhof, Südbahnhof) verlagerte. Im 2. Bezirk gab es Lokomotivfabriken, Maschinenfabriken sowie Elektroindustrie wie etwa die Siemens-Schuckert-Werke in der Engerthstraße. Ein weiteres zentrales Ereignis in dieser Zeit war die Donauregulierung 1870-75, die einerseits große Flächen neuen bebaubaren Landes (Brigittenau, Zwischenbrücken) lieferte, andererseits die Leopoldstadt mit dem Handelskai und dessen Anbindung an die Bahnhöfe zu einem wichtigen Warenumschlagplatz Wiens machte. Gleichzeitig wurden viele neue Brücken über Donaukanal und Donau errichtet und so die „Insel“ stärker mit Innenstadt und Umland vernetzt.

Im Gegensatz zum Charakter des unterentwickelten, von Armut geplagten Migranten- und Industriebezirks stand die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts bestehende Nutzung als Vergnügungs- und Freizeitgebiet, deren Brennpunkte Augarten und Prater mit ihrem Kultur- und Erholungsangebot waren. Diese Brennpunkte führten auch zu einer entsprechenden Entwicklung der Zufahrtswege Taborstraße und Praterstraße, in denen sich eine rege Szene an Theatern, Kabaretts, Restaurants und Cafés entwickelte. Diese Szene war im 19. und frühen 20. Jahrhundert stark von der Wiener jüdischen Kultur bestimmt und wurde durch Austrofaschismus und vor allem Nationalsozialismus zerstört.

Auch die erst spät als selbstständiger Stadtteil entwickelte Brigittenau mit dem Brigittakirtag, dem damals größten Volksfest Wiens, war Teil dieses Gebietes: Der Brigittakirtag fand in einem ehemaligen Fasangarten statt, der ebenso wie Prater und Augarten im 18. Jahrhundert der Öffentlichkeit als Vergnügungsort zugänglich gemacht worden war, bevor im 19. Jahrhundert für den Bau von Fabriksgebäuden die Parkfunktion aufgegeben wurde.

1943/44 wurden die beiden Flaktürme im Augarten errichtet, die zusammen mit der lokalen Industrie, den Bahnhöfen und den Donaukanal- und Donaubrücken vorrangige Bombenziele im Zweiten Weltkrieg darstellten und so zur Zerstörung der vorhandenen Bausubstanz beitrugen, ebenso wie der „Endkampf“ um Wien 1945, der zu einem wesentlichen Teil in der Leopoldstadt geführt wurde.

Nach der beinahe restlosen Vertreibung und Ermordung der Wiener Juden ab 1938 entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg wiederum eine jüdische Besiedlung dieses Gebietes. Die jüdische Bevölkerung der Leopoldstadt war während der gesamten Besiedlungsdauer bestimmendes Element dieses Be zirks und trägt bis heute zum Charakter des Planungsgebietes bei. Vor allem in der unmittelbar jüngsten Vergangenheit wurden jüdische Schulen und andere Einrichtungen erbaut, nachdem deren vielfältige Vorläufer von den Nationalsozialisten zerstört worden waren. Ebenso wurden die Leopoldstadt und die Brigittenau in der Zweiten Republik erneut Migrantenviertel und blieben so trotz zentraler Lage ökonomisch unterentwickelte Gebiete von peripherem Charakter. Dies ändert sich erst seit einigen Jahren. Zunehmend sind Anzeichen einer Gentrifizierung des 2. und 20. Bezirks zu erkennen und die Mietpreise gleichen sich langsam denen in anderen Bezirken mit ähnlicher Lage an. Erhalten bleibt der Charakter des „Sonderfalls“: Trotz Innenstadtlage ist auf der Insel zwischen Donau und Donaukanal das Einkommen der Einwohner niedriger als der Wiener Durchschnitt, das Areal ist multiethnischer als andere Bezirke, und es dient heute verstärkt wieder als Freizeit- und Erholungsort der Stadt.

Der zentrale Attraktor des Gebietes, der Augarten, war seit dem 16. Jahrhundert kaiserliches Jagdareal. Die Gebäude aus der älteren Nutzungsperiode fielen vollständig der zweiten Türkenbelagerung 1683 zum Opfer. Die aktuell bestehenden historischen Gebäude entstanden großteils im späten 17. und im 18. Jahrhundert. 1775 wurde der Park schließlich durch Kaiser Joseph II. der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im Unterschied zu der sehr gegensätzlichen Nutzung des Praters, der ebenso proletarische wie aristokratische Vergnügungen bot, war der Augarten eher ein Ort gehobener Unterhaltung, insbesondere wurden hier berühmte Musikveranstaltungen abgehalten. Allerdings geriet der Augarten bereits im 19. Jahrhundert gegenüber dem Prater als Veranstaltungsort ins Hintertreffen. Im 20. Jahrhundert wurde der Augarten zunehmend auch für sportliche Nutzung ausgestattet, weiters siedelten sich entlang der Castellezgasse nichtöffentliche Nutzer an (Porzellanmanufaktur seit 1923, Sängerknaben seit 1948, Gustinus-Ambrosi-Museum seit 1953, Filmarchiv seit 1997). Aktuell unterliegt der Augarten einer sehr heterogenen und intensiven Nutzung. Durch die Unterschutzstellung im Sinne des Denkmalschutzes im Jahr 2000 soll die aktuelle Grundstruktur der Nutzung bewahrt werden.

Dachausbau | Foto: RT Dachausbau | Foto: RT