Robert Temel
temel.at/?area=text&text_id=156

2002
Lebenslandschaften. Zukünftiges Wohnen im Schnittpunkt von privat und öffentlich, Frankfurt/New York: Campus Verlag 2002, 252 S. (hg. mit Peter Döllmann)

Amazon Search inside the Book

Google Books

Ausschnitt:
  
Zukünftiges Wohnen zwischen privat und öffentlich
  
Das Wohnen der Zukunft ist ein beliebtes Thema, meist abgehandelt entlang eines technologieorientierten (Smart Home) oder marketingorientierten (Lifestyles) Diskurses. Ersterer zeichnet sich dadurch aus, dass technische Erfindungen ohne jeden sozialen oder ökonomischen Kontext gesehen werden, er scheint eine direkte Fortsetzung von Zukunftsvisionen der 50er Jahre zu sein. Damals wie heute wird erklärt, wieviel Zeit und Mühe die Bewohner des technisierten Haushalts sparen könnten – alles, was erfunden wird oder möglich ist, scheint auch wünschenswert und sinnvoll. Und zweiterer wird im Zeitalter zunehmender Ausdifferenzierung der Gesellschaften immer absurder: Wenn jede einzelne Person eine individuelle Zielgruppe geworden ist, wird Marketing insgesamt sinnlos, selbst wenn es bereits den Begriff „One-to-one-Marketing“ gibt.
  
Die in diesem Band versammelten Texte sind die Beiträge von 20 Autorinnen und Autoren zum Symposion „Lifescapes – Zukünftiges Wohnen zwischen privat und öffentlich“, das im Mai 2001 von der Österreichischen Gesellschaft für Architektur in Wien im Kinosaal des Künstlerhauses veranstaltet wurde. Die Beträge stammen aus verschiedensten Disziplinen, von der Soziologie bis zur Architektur, von der Kunstgeschichte bis zur Medientheorie. Die Veranstaltung wollte insbesondere auch den interdisziplinären Dialog in den Vordergrund stellen.
  
Gemeinsames Ziel der Texte ist es zu analysieren, welche Prozesse zukünftige Wohnformen bestimmen. Es geht also weniger um ein Bild des Wohnens als um die Klärung des Kontextes, aus dem dann solche Bilder entwickelt werden könnten. Materielle und diskursive Rahmenbedingungen ermöglichen und beschränken die Wohnsituationen. Diese Rahmenbedingungen umfassen technologische, soziale, politische, ökonomische, kulturelle, ideologische Voraussetzungen.
  
Zweiter zentraler Punkt ist die alte Polarität von öffentlich und privat, die nur bedingt noch als solche verstanden werden kann. Bereits vor langer Zeit verlagerte sich etwa die Lohnarbeit aus dem privaten in den öffentlichen Raum, eine Bewegung, die sich heute scheinbar teils wieder umkehrt. Auch andere Faktoren folgen dieser Bewegung, sodass sich eine zunehmende Überlagerung der beiden Pole ergibt, und so wird die strikte Trennung zunehmend fragwürdig. Abgesehen davon ist auch diese Einteilung eine Frage der Sichtweise: der ökonomische Bereich, der Arbeits- und Warenmarkt, sind aus der Perspektive der Familienökonomie „öffentlich“ und aus der Perspektive des liberalen Staates „privat“ (Kurswechsel 2001, S. 6).
  
Im aktuellen politischen Diskurs herrscht der Kult des Privaten, einerseits des privaten Unternehmens und andererseits der Familie (Kurswechsel 2001, S. 3). Dem scheinbar entgegengesetzt, tatsächlich aber komplementär läuft die Verschärfung der Überwachung der Privatsphäre, also deren zunehmende Veröffentlichung, propagandistisch unterstützt durch Unterhaltungsformate, die diese Überwachung ins Spielerische ziehen – die breiten Debatten um Datenschutz aus den 80er Jahren scheinen heute unmöglich.
  
Die Herangehensweise der Autoren dieses Bandes zielt darauf ab, Wohnen nicht als den Ort des Privaten und Gegenpol zum Öffentlichen anzulegen, sondern die Wohnsituation als Schnittstelle von privat und öffentlich zu sehen. Sicherlich ist jedoch die Wohnung nicht der einzige Ort, in den sich eine solche Trennlinie hineingeschoben hat bzw. der eine solche Grenze formuliert –die zunehmende Privatisierung des öffentlichen Stadtraums in den letzten Jahrzehnten ist etwa ebenfalls ein Beispiel für diese Tendenz. „Der gekerbte Raum der Moderne schuf Orte, die beständig in einem dialektischen Spiel mit ihrem Außen standen und auf diesem Spiel gründeten. Der Raum imperialer Souveränität [d.h. der Gegenwart, Anm. der Autoren] ist im Gegensatz dazu glatt. Er scheint frei zu sein von den binären Aufteilungen oder Kerben moderner Grenzen, doch in Wahrheit ist er kreuz und quer von so vielen Verwerfungen durchzogen, dass er lediglich als kontinuierlicher, einheitlicher Raum erscheint.“
  
Die Vorträge des Lifescapes-Symposions waren in sechs thematische Einheiten gruppiert, eine Ordnung, die hier als Kapiteleinteilung wiederholt wird.

Das erste Kapitel steht unter dem Titel „Heim-Werk“. Thema ist hier die Wohnung als Raum, in dem vermehrt wieder Erwerbsarbeit geleistet wird, und die Wohnung als Ort der Hausarbeit – das Spektrum von Produktion und Reproduktion. Hartmut Häußermann beschreibt die Bezüge zwischen neuen Wohn- und Arbeitsformen einerseits und deren städtischen Kontext andererseits. Joost Meuwissen beschäftigt sich mit der Diskrepanz zwischen Organisation und fehlender Darstellung dieser Organisation im Wohnungsbau. Norbert Gestring analysiert Strategien des ökologischen Wohnens und deren Konflikte mit der urbanen Lebensweise. Und Michael Andritzky stellt das Haus als Maschine dar, dessen Intelligenz die der Bewohner ersetzen oder erweitern will.
  
„Wohnen in Medien“ fragt, wie Informations- und Kommunikationstechnologien Wohnformen beeinflussen und wie sich Wohnen in Massenmedien spiegelt und von dort wieder zurückwirkt. Elke Krasnys Beitrag handelt von medialer Vermittlung des Eindringens der Öffentlichkeit ins Private. Frank Helten erläutert die Rezeption der Idee des „Smart Home“ bei seinen potenziellen Nutzern. Susanna Paasonen bewegt sich durchs World Wide Web und findet dabei Metaphern des Häuslichen in der Homogenität der weltweiten Datenangebote. Und Johanna Riegler erkennt in Werbesujets von Informationstechnologie-Unternehmen die Bilder, die unser Denken über künftiges Arbeiten und Wohnen dominieren.
  
Bei „Wohnen als Politik“ geht es darum, wie der Staat und die Gesellschaft auf das individuelle Wohnen durch Gesetze, Förderungen, Vorstellungen und Ausschließungen, durch die ideologische Konstruktion von Lebensformen wirken. Bart Loostma analysiert, welche Auswirkungen die Individualisierung auf Urbanismus und Architektur des Wohnens hat. Ulla Terlinden zeigt die Verbindungen zwischen der Dichotomie privat-öffentlich und Geschlechterbildern. Ursula Reeger untersucht die Wohnsituation von „Ausländern“ in Wien. Und Paul Balchin vergleicht Stadtwachstum und Stadterneuerung in Europa.
  
„(Im)mobil Wohnen“ behauptet, dass die Wohnung als Immobilie par excellence zumindest in ihren öffentlichen Bildern immer mobiler wird, und fragt, ob damit die so genannte Flexibilität in Beruf und Privatleben zusammenhängt. Ingrid Breckner beschreibt das Prinzip des Wohnens und Wanderns anhand von Ute Guzzoni. Christiane Feuerstein stellt unter dem Titel „Vernetztes Wohnen“ Wohnmodelle für ältere Menschen vor. Und Roderick Lawrence behandelt Bezüge zwischen Wohnungsnachfrage und Wohnzufriedenheit.
  
Thema bei „Stadt als Wohnung“ sind die Beziehungen zwischen Stadt und Wohnraum, die gegenseitigen Einflüsse und Abhängigkeiten, und die Situierung von Wohn- und Arbeitsbereichen in der Stadt. Judit Bodnár spaziert entlang der Budapester Zäune und erläutert die aktuelle Neuordnung des privaten und öffentlichen Raumes. Walter Prigge stellt neue Wohnkonzepte in den traditionellen Wohngebieten europäischer Städte dar. Und Jane Rendell lädt ein, anhand von Kunst im öffentlichen Raum Orte zwischen privat und öffentlich zu entdecken.
  
Und zuletzt behauptet „Wohnen als Symbol“, dass Wohnen der Repräsentation von Individuen, Gruppen und Gesellschaften dient, sodass sich dort individuelle Vorstellungen und gesellschaftliche Regeln abbilden. Dazu analysiert Gert Selle in einem Text, der im Rahmen der „Wiener Vorlesungen“ vorgetragen wurde, das Wohnen zwischen Innen und Außen, und Georges Teyssot findet in Innenräumen vielfältige Spuren von Träumen.
  
Die Konzeption und Durchführung des Symposions und in Folge dessen dieses Bandes war nicht möglich ohne die Unterstützung vieler Freundinnen und Freunde. Wir danken insbesondere Irene Nierhaus, Irmgard Frank, Felicitas Konecny und Sabine Bartscherer sowie den anderen Vorstandsmitgliedern der ÖGFA für ihre Hilfe. Sowohl die Durchführung der Veranstaltung als auch die Herausgabe dieses Bandes wurden von einer Reihe öffentlicher Institutionen großzügig und interessiert gefördert. Besonders hervorzuheben ist diesbezüglich die Geschäftsgruppe Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung der Gemeinde Wien mit Herrn Stadrat Werner Faymann – ohne seine freundliche Förderung wären die Veranstaltung „Lifescapes“ und dieser Band nicht möglich gewesen. Weitere großzügige Fördergeber waren das österreichische Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit sowie das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, die Gemeinde Wien, Bereich Stadtplanung, das österreichische Bundeskanzleramt – Kunstsektion sowie die Wiener Vorlesungen Hubert Christian Ehalts. Ihnen allen sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Und schließlich danken wir dem Campus Verlag und insbesondere Frau Hommen für die freundliche Aufnahme und Betreuung dieser Publikation.
  
Robert Temel, Peter Döllmann
  
Kurswechsel (4/2001), Zeitschrift für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen: Öffentlich/Privat – neue Grenzziehungen, Wien
  
Negri, Antonio; Hardt, Michael (2002): Empire – Die neue Weltordnung, Frankfurt/New York; Originalausgabe Cambridge 2000

Wie macht man eine neue Professorin? | Foto: RT Wie macht man eine neue Professorin? | Foto: RT