Robert Temel
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6/2014
Städtebaulicher Ideenwettbewerb Verteilerkreis Favoriten, Wien
Komplexe Planung in Stufen


Dem kooperativen Verfahren als neuem städtebaulichen Planungsinstrument in Wien folgt in sehr komplexen planerischen Situationen nicht unmittelbar ein Widmungsverfahren – davor gibt es in diesen Fällen noch einen städtebaulichen Wettbewerb, um innerhalb der im kooperativen Verfahren entwickelten Rahmenbedingungen zu einem definitiven Projekt zu gelangen. Das war beim Eislaufverein so, wo die Planungen von einer intensiven öffentlichen Diskussion begleitet sind, die sich vor allem um die Bauhöhe an diesem stadträumlich sensiblen Ort – in der Kernzone des Weltkulturerbes – dreht. Und das war auch beim Verteilerkreis Favoriten so. Die Planungsaufgabe lässt hier an Komplexität nichts zu wünschen übrig: Das Planungsgebiet befindet sich inmitten des Straßenkreisels Favoriten der Südosttangente und über dem Autobahntunnel. Derzeit wird unter dem Areal die U-Bahnlinie U1 Richtung Süden verlängert, sie erhält im Verteilerkreis eine Station. Während hier früher die gründerzeitliche Stadt endete, wächst sie nun langsam weiter nach Süden, etwa durch den Fachhochschulcampus an der Favoritenstraße. Das nahegelegene Horr-Stadion der Wiener Austria wird künftig hauptsächlich über die neue U-Bahnstation erschlossen. Das Gebiet soll eine große Park-and-Ride-Anlage, die Firmenzentrale der Asfinag, weitere Büroflächen, ein Studentenheim und ein Hotel sowie Gewerbeflächen aufnehmen. Der Ort wird somit auch zu einem zentralen Umsteigeplatz zwischen Pkw, öffentlichem Verkehr und Fahrradverkehr. Zunächst wurde in der ersten Hälfte 2013 ein kooperatives Verfahren durchgeführt, für das drei Architektenteams anonym anhand von Ideenkonzepten ausgewählt wurden: next ENTERprise, einszueins Architektur und Arenas Basabe, Peter Lorenz. Aufbauend auf den zwei unterschiedlichen Konzepten, die in diesem Verfahren entwickelt worden waren, schrieb die Asfinag in Kooperation mit der Stadt Wien schließlich Ende 2013 einen städtebaulichen Ideenwettbewerb aus. Dazu waren die drei Teilnehmerteams des kooperativen Verfahrens geladen sowie zusätzlich drei „erfahrene“ und zwei „junge“ Büros (das heißt mit Eigentümern unter 45 Jahre). Grundlage für die Auswahl waren „anonyme“ Portfolios mit städtebaulichen Referenzen, was ja eigentlich ein Widerspruch in sich ist. Um Chancengleichheit zwischen den Teilnehmern herzustellen, wurden die Resultate des kooperativen Verfahrens und deren detaillierte Bewertung allen zur Verfügung gestellt. Die Jury unter dem Vorsitz von Marta Schreieck wählte das Projekt von Froetscher Lichtenwagner und somit (ebenso wie beim Eislaufverein) nicht ein Team, das am kooperativen Verfahren davor teilgenommen hatte. Das Siegerprojekt ordnet um einen rautenförmigen, zentralen Platz in Verlängerung der inneren Favoritenstraße mit der (offensichtlich nicht mehr veränderbar gewesenen) U-Bahnstation in der Mitte die Gebäude in zwei Dimensionen: einerseits eine bis zu fünf Geschoße hohe Sockelzone und andererseits Hochhäuser, die die Asfinag-Zentrale, das Hotel und drei Bürohäuser aufnehmen. Das Konzept von next ENTERprise, die am kooperativen Verfahren teilgenommen hatten, wurde mit dem zweiten Preis bedacht. Für die einzelnen Gebäude sollen Realisierungswettbewerbe folgen. Die bisherige Erfahrung scheint zu zeigen, dass die Kombination von kooperativem Verfahren und städtebaulichem Wettbewerb in komplexen Situationen ein besonders gut geeigneter Planungsprozess ist: Das kooperative Verfahren mit breiter Beteiligung schafft präzise Rahmenbedingungen für einen Wettbewerb mit wenigen, anonym ausgewählten Teilnehmern.

Buch YoVA4 Young Viennese Architects and Landscape Architects | Grafikdesign: Lichtwitz Leinfellner visuelle Kultur Buch YoVA4 Young Viennese Architects and Landscape Architects | Grafikdesign: Lichtwitz Leinfellner visuelle Kultur